Die Entlastung bei der Stromsteuer wird entfristet: Für über 600.000 Betriebe sinkt der Satz dauerhaft auf das EU-Minimum. Privathaushalte und große Teile des Mittelstands bleiben außen vor — obwohl Deutschland einen der höchsten Haushalts-Strompreise Europas hat. Das ist keine Panne, sondern eine bewusste Zielentscheidung. Prüfstand rechnet nach, nach welcher Logik.
| Kennzahl | Wert | Hinweis |
|---|---|---|
| Steuersatz (begünstigt) | 0,50 € / MWh | EU-Mindeststeuersatz, dauerhaft |
| Begünstigte Betriebe | > 600.000 | produzierendes Gewerbe, Land-/Forstwirtschaft |
| Kosten 2026 | ≈ 1,5 Mrd. € | Steuermindereinnahmen |
| Kosten ab 2027 | ≈ 3 Mrd. € / Jahr | volle Höhe |
| Allgemeine Senkung (verworfen) | bis 7 Mrd. € / Jahr | hätte alle entlastet |
Die zunächst befristete Entlastung wird fester Bestandteil des Stromsteuergesetzes. Für das produzierende Gewerbe sowie Land- und Forstwirtschaft sinkt der Satz dauerhaft auf den EU-Mindeststeuersatz von 0,50 € pro Megawattstunde. Umfasst sind über 600.000 Betriebe — von Chemie und Metall über die Automobilwirtschaft bis zum Maschinenbau.
Der Staat verzichtet dafür auf ≈ 1,5 Mrd. € (2026) und ≈ 3 Mrd. € ab 2027 pro Jahr. Eine allgemeine Senkung auf EU-Niveau — also auch für Haushalte — hätte bis zu 7 Mrd. € gekostet und wurde aus Haushaltsgründen verworfen.
Die ökonomische Begründung ist die Standort-Logik: Energieintensive, im internationalen Wettbewerb stehende Industrien (Chemie, Metall, Auto) sind mobil — sie können Produktion ins Ausland verlagern, wenn Strom hier zu teuer ist. Eine Entlastung „hält" diese Wertschöpfung und die daran hängenden Arbeitsplätze.
Privathaushalte dagegen sind immobil — sie wandern nicht ab, egal wie hoch der Preis ist. Aus reiner Standort-Sicht ist es deshalb „effizient", die knappen Mittel dorthin zu lenken, wo die Abwanderungselastizität am höchsten ist: in die Industrie. (Modell-Lesart — eine Effizienz-, keine Gerechtigkeitsaussage.)
Genau diese Logik ist der Kritikpunkt. Die Verbraucherzentrale Bundesverband (Florian Munder) verweist darauf, dass deutsche Privathaushalte im EU-Vergleich zu den höchsten Strompreisen zahlen — und im Entwurf nicht berücksichtigt werden. Ursprünglich hatte die Koalition eine allgemeine Senkung in Aussicht gestellt; dass nun nur das Gewerbe profitiert, werten Kritiker als Wortbruch.
Die Last trägt damit, wer am wenigsten ausweichen kann: Haushalte und der nicht-energieintensive Mittelstand zahlen weiter den vollen Satz und Europas Spitzenpreise.
Das ist der durchgerechnete Kern: Die Entlastung folgt nicht der Belastung, sondern der Mobilität. Wer am stärksten unter hohen Strompreisen leidet (Haushalte), bekommt nichts; wer am leichtesten ausweichen könnte (mobile Industrie), bekommt die Entlastung.
Die Differenz 3 vs. 7 Mrd. € ist genau der Preis dieser Entscheidung: Die rund 4 Mrd. €, die eine Haushaltsentlastung gekostet hätte, wurden gestrichen. Ob das richtig ist, ist eine Abwägung zwischen Standort (Industrie halten) und Verteilung (Haushalte entlasten) — kein Rechenfehler, sondern eine politische Priorität.
Die dauerhafte Senkung ist real und belegt — und sie ist gezielt. Durchgerechnet heißt das:
Effizienz und Gerechtigkeit zeigen hier in verschiedene Richtungen. Das Modell kann sagen, warum die Industrie entlastet wird — ob die Haushalte es auch sein sollten, ist eine Wertentscheidung, die der Gesetzgeber trägt.
Alle Zahlen in diesem Bericht sind mit Primärquelle belegt (amtliche Angaben). Modell-Lesarten (ökonomische Einordnungen) sind als solche gekennzeichnet und von den Fakten getrennt.