PRÜFSTAND
Stand · Mo., 26. Oktober 2026
Wohnen · Mietpreisbremse

Die Bremse senkt die Miete heute — und baut morgen weniger Wohnungen.

PRÜFSTAND-Analyse · primärquellen-geprüft · Modell durchgerechnet

Die Mietpreisbremse senkt die Miete — für die, die schon eine Wohnung haben. Für alle, die eine suchen, kann sie das Angebot verknappen. Genau dieser Zielkonflikt macht sie so umkämpft.

Seit 2015 begrenzt sie (§§ 556d ff. BGB) in angespannten Märkten die Miete bei Neuvermietungen auf höchstens 10 % über der ortsüblichen Vergleichsmiete.

Das Grundproblem ist ein angebotsstarrer Markt: Wohnungsbau dauert Jahre, Grundstücke in Ballungsräumen sind knapp, und die Baukosten stiegen seit 2015 real um über 40 % — das Angebot kann der Nachfrage nicht folgen.

In der Standardanalyse wirkt ein Preisdeckel klassisch: Liegt die Miete unter dem Gleichgewicht, entsteht ein Nachfrageüberschuss, und sinkende Renditen drosseln das Angebot — im Extremfall ziehen sich Vermieter zurück.

Befürworter halten dagegen, dass der Wohnungsmarkt kein perfekter Wettbewerb ist: Suchreibung, Standortbindung und Informationsasymmetrien geben Vermietern bei Neuvermietungen eine temporäre Marktmacht, die der Mieter nicht durch Wechsel überwinden kann.

Die Evidenz ist gemischt: Diamond et al. (2019, QJE) finden für San Francisco, dass 15 % der betroffenen Vermieter ihre Wohnungen dem Mietmarkt entzogen. Das DIW (2021) findet für Berlin: Der Mietendeckel senkte die Angebotsmieten im regulierten Segment um rund 7 %, trieb sie aber im unregulierten Neubau nach oben.

Aktualität: Die Bremse lief Ende 2025 aus und wurde bis zum 31. Dezember 2029 verlängert — getragen von CDU/CSU und SPD (mit Zustimmung der Grünen; AfD dagegen, Linke enthielt sich), in Kraft seit 23. Juli 2025. Bemerkenswert: Die CDU/CSU betonte im Wahlprogramm „vor allem Neubau", verlängerte das Instrument aber als Regierungspartei.

Ziehen Sie unten an der Mietobergrenze: Das Modell macht den Zielkonflikt sichtbar — niedrigere Mieten für Insider, weniger Angebot für die, die suchen.

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Theoretische Linse

Im Wettbewerbsmodell des Wohnungsmarkts wird der Gleichgewichtspreis durch das Zusammentreffen von Wohnungsnachfrage und -angebot bestimmt. Ein Preisdeckel unterhalb des Gleichgewichts verhindert die Markträumung: Die nachgefragte Mietwohnfläche übersteigt das angebotene Volumen, es entsteht ein Nachfrageüberhang. Modell-Kalibrierung (live): Die Größe dieser Knappheit hängt entscheidend von der Angebotselastizität ε_S ab. Kurzfristig ist das Wohnungsangebot sehr unelastisch (ε_S ≈ 0,3, Combes et al. 2019) — bestehende Wohnungen werden kaum vom Markt genommen, deshalb bleibt die Knappheit zunächst KLEIN. Je elastischer das Angebot reagiert (ε_S höher, v. a. langfristig), desto stärker ziehen Vermieter Wohnungen zurück und desto GRÖSSER die Knappheit. Ziehen Sie den ε_S-Regler, sehen Sie den Effekt live im Abschnitt „Modellinterpretation". Kurzfristig ist das Angebot weitgehend fix — bestehende Wohnungen werden weiterhin vermietet, solange der Deckel über den variablen Betriebskosten liegt. Der sichtbare Wohlfahrtsverlust (Deadweight Loss) entsteht durch Allokationsineffizienz: Wohnungen werden nicht an den Meistbietenden vergeben, sondern an jene, die zuerst im Markt waren oder Beziehungen zu Vermietern haben. Dies erklärt ein gut dokumentiertes Phänomen: In regulierten Märkten entstehen Schattenmärkte (Abstandszahlungen, Möblierungszuschläge) und eine niedrige Fluktuationsrate — Mieter klammern sich an günstige Wohnungen, obwohl ihr Bedarf sich geändert hat. Die entscheidende Modellannahme ist, dass Angebot und Nachfrage tatsächlich elastisch reagieren: Neuere empirische Arbeit (Sims 2007 für Massachusetts; Autor et al. 2014 für Boston) zeigt, dass Mietpreisregulierung die Mobilität im Wohnungsmarkt substanziell senkt und zu Fehlallokation führt. Das Wettbewerbsmodell ist am relevantesten für Märkte mit tatsächlich vielen Anbietern und freiem Neubau — Bedingungen, die in deutschen Großstädten mit hoher Baulandknappheit nur eingeschränkt erfüllt sind.
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Marktdiagramm

Elastizitäten kalibrieren — Gleichgewicht bleibt fixiert, Kurvensteigung ändert sich
Nachfrageelastizität ε_D: -0.50[-1, -0.2]
-0.50
Quelle: Ermisch (1996), Sims (2007)
Angebotselastizität ε_S: 0.30[0.1, 0.6]
0.30
Quelle: Combes et al. (2019)
Wettbewerbsmarkt
Wohnfläche = 18.4Miete = 10.00DWL = 4.4Knappheit = 4.1
KRPR010.52131.542010203040Wohnfläche (Mio. m²)Miete (€/m²)NachfrageAngebotq*=20.013.5Knappheit: 4.118.410.0LinkeLinke: 10 €/m² (BTW 2025)
Parameter stilisiert · kalibriert: ε_D = -0.50, ε_S = 0.30·q* = 20.0, p* = 13.5
Warum dieser Markt? Die Mietpreisbremse greift direkt in die Preissetzung bei Neuvermietungen ein: Sie senkt die Mietpreise im regulierten Segment unter das Niveau, das sich ohne Eingriff am Markt bilden würde. Der kurzfristige Transmissionskanal ist eindeutig — Mieter zahlen weniger als ohne Regulierung, sofern die Bremse tatsächlich greift. Studien zur deutschen Mietpreisbremse (Sagner/Voigtländer, IW Köln 2021; DIW 2020) zeigen, dass die Regulierung bei konsequenter Anwendung die Einstiegsmieten um 3–7 Prozent drückt, aber aufgrund von Ausnahmen (Neubau, Modernisierung, Vormietermiete) nur in rund 40 Prozent der betroffenen Neuvermietungen tatsächlich bindend ist. Der mittelfristige Transmissionskanal wirkt über Investitionsanreize: Wenn Vermieter antizipieren, dass regulierte Neuvermietungsmieten dauerhaft unter den Marktmieten liegen, sinkt der Kapitalwert von Renditeobjekten und neue Wohnungsbauprojekte werden weniger profitabel. Ein wichtiges Caveat ist die empirische Identifikation: Es ist schwer zu isolieren, ob ein Angebotsrückgang auf die Mietpreisbremse oder auf parallel wirkende Faktoren (Zinswende, Baukostensteigerungen) zurückgeht.
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Professionelles Modell

Das DiPasquale-Wheaton-Modell (1996) analysiert Mietregulierung über drei verkettete Märkte: Miete → Immobilienwert → Neubautätigkeit → Wohnungsbestand. Es zeigt, warum Mietpreisbremsen langfristig das Gegenteil ihres Ziels erreichen können.

Diamond, McQuade & Qian (2019, QJE) für San Francisco: 15 % weniger Mietwohnungsangebot nach 15 Jahren Mietpreisregulierung. Für Deutschland: Sagner & Voigtländer (2021, IW Köln) zeigen −20 % Neubauanmeldungen im regulierten Berliner Segment während des Mietendeckels 2020–2021. Der DiPW-Index zeigt den langfristigen (10-Jahres-)Wohnungsbestand relativ zur unregulierten Referenz. Bei 13,50 €/m² (aktuelle Mietpreisbremse): ca. −10 % Bestand. Bei 10 €/m² (Linke): ca. −25 % Bestand — paradoxer Effekt.
DiPasquale-Wheaton (Stock-Flow)
Wohnfläche = 10 €/m²Miete = 75
5063.877.591.3105611.51722.528Mietobergrenze (€/m²)Wohnungsbestand-Index (unreguliert = 100)16 € (freier Markt)Unreguliert = 100−15 % (Diamond et al.)LinkeLinke: 10 €/m²
DiPasquale-Wheaton (Stock-Flow) · Professionelles Modell · Kalibrierung: Langfristiger Wohnungsbestandsindex: H(r) = 100·(r/r_free)^γ für r ≤ r_free
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Parteipositionen

Stand: BTW 2025keine substanzielle Bewegung seither · sinngemäß paraphrasiert, keine wörtlichen Zitate — Klick aktiviert das Modell
Linke
10€/m²
Programmtenor (sinngemäß): bundesweiter Mietendeckel; in angespannten Wohnungsmärkten s…
BTW 2025
BSW
11€/m²
Programmtenor (sinngemäß): bundesweiter Mietendeckel statt der als wirkungslos kritisie…
BTW 2025
Grüne
13€/m²
Programmtenor (sinngemäß): Mietpreisbremse verlängern und verschärfen, auch für Wohnung…
BTW 2025
SPD
14€/m²
Programmtenor (sinngemäß): Mietpreisbremse entfristen und von Schlupflöchern befreien. …
BTW 2025
CDU/CSU
19€/m²
Keine konkrete Festlegung zur Mietpreisbremse im BTW-2025-Programm; nur allgemeiner Ten…
BTW 2025
FDP
25€/m²
Programmtenor (sinngemäß): die Mietpreisbremse gilt als Investitionsbremse und soll aus…
BTW 2025
AfD
28€/m²
Programmtenor (sinngemäß): Ablehnung staatlicher Überregulierung und Investitionshemmni…
BTW 2025
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Modellinterpretation

Bei Mietobergrenze = 10 €/m² liegt die Obergrenze 3.50 €/m² unter dem Gleichgewichtspreis (Gleichgewicht: 20.0 /Wohnfläche, 13.50 €/m²). Laut Wettbewerbsmarkt-Modell sinkt Wohnfläche (Mio. m²) von 20.0 auf 18.4 (−7.8 %). Die Nachfrage bei diesem Preis beträgt 22.6, das Angebot nur 18.4 — es entsteht eine Knappheit von 4.1 Einheiten. Der Wohlfahrtsverlust (DWL) beträgt 4.4. Aktuelle Elastizitäten (über die Regler einstellbar): ε_D = -0.50, ε_S = 0.30. Je elastischer die betroffene Marktseite reagiert, desto größer fallen Mengeneffekt und Wohlfahrtsverlust aus — die Zahlen oben rechnen sich beim Ziehen der Regler live neu.
Modellvergleich: Wettbewerbsmarkt: 18.4 Wohnfläche · Langfristiges Angebotsmodell: 17.7 Wohnfläche. Differenz: 0.8.

Regime: Mietpreisdeckel bindet — Wohnungsknappheit

Modelle widersprechen sich bei diesem Wert: Wettbewerbsmarkt: 18.4 · Langfristiges Angebotsmodell: 17.7. Dieses Auseinanderfallen ist kein Fehler — es macht sichtbar, dass das Ergebnis von den Modellannahmen abhängt.
Beratungsperspektive
Was heißt das für Ihr Unternehmen?
Die Mietpreisbremse deckelt die Wiedervermietungsmiete im Bestand auf höchstens 10 % über der ortsüblichen Vergleichsmiete — für Wohnungsunternehmen und private Vermieter ein direkter Ertragsdeckel, für Projektentwickler vor allem ein Kalkulationssignal. Neubau bleibt ausgenommen.
Das Modell zeigt: Die Wirkung hängt an der Angebotselastizität — bei knappem Neubau entsteht vor allem ein Verteilungseffekt zugunsten der Bestandsmieter, kaum zusätzliche Wohnungen. Für Investoren entscheidet daher, was ausgenommen ist: Erstvermietung nach Oktober 2014 und umfassende Modernisierung.
Wen es trifft
Wohnungsunternehmen und private Vermieter in angespannten Märkten; Projektentwickler; mittelbar Arbeitgeber in Hochmietregionen (Mitarbeitergewinnung).
Größenordnung
Wiedervermietung max. 10 % über ortsüblicher Vergleichsmiete — in angespannten Märkten oft deutlich unter der erzielbaren Marktmiete.
Beispiel: Marktmiete 1.200 €, Vergleichsmiete 900 € → zulässig max. 990 €, also bis zu ~210 €/Monat (~2.500 €/Jahr) entgangener Ertrag je Wohnung.
Neubau (Erstvermietung nach 1.10.2014) und umfassend modernisierte Wohnungen sind ausgenommen.
Was Sie jetzt tun können
→Bei Wiedervermietung Ausnahmen prüfen (Neubau ab 2014, umfassende Modernisierung, zulässige Vormiete).
→Ankaufskalkulation von Bestandsobjekten auf die gedeckelte Wiedervermietungsmiete stellen.
→Mietspiegel- und Vergleichsmietenentwicklung beobachten — sie bestimmt den zulässigen Spielraum.
Stand: bis 31.12.2029 verlängert (in Kraft 23.7.2025); gilt in von den Ländern bestimmten angespannten Märkten, Neubau ausgenommen.
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Modellannahmen

▶Technische Modellannahmen (Wettbewerbsmarkt)
Vollständiger Wettbewerb auf dem Wohnungsmarkt. Angebot und Nachfrage reagieren kurzfristig auf den Preisdeckel. Ein bindender Deckel senkt die Miete, reduziert aber das Angebot — Wohnungen werden knapp. Dieses Modell zeigt den Standardbefund der Mikroökonomie: Preisdeckel erzeugen Überschussnachfrage und Wohlfahrtsverluste.