PRÜFSTAND
Stand · Mo., 26. Oktober 2026
Steuern · Körperschaftsteuer

Wer trägt die Last der Unternehmensteuer — die Kapitaleigentümer oder am Ende die Arbeitnehmer? Die Antwort hängt davon ab, wie mobil Kapital ist.

PRÜFSTAND-Analyse · primärquellen-geprüft · Modell durchgerechnet
extern · nicht modelliert−25 Mrd. €/JahrBMF-Steuerschätzung 2024 (Senkung Gesamtbelastung ~30 % → ~22 %)

Senkt eine niedrigere Unternehmensteuer die Gewinne der Reichen — oder die Löhne der Beschäftigten? Die Antwort hängt an einer einzigen Größe: wie mobil das Kapital ist.

Die hier gezeigte Achse ist die Gesamtbelastung der Kapitalgesellschaften, nicht der Körperschaftsteuersatz allein: Körperschaftsteuer (15 %), Solidaritätszuschlag und Gewerbesteuer summieren sich auf rund 30 % — eine der höchsten Raten der OECD, deren Durchschnitt bei etwa 22 % liegt.

Wer die Last trägt, ist nicht trivial: Im geschlossenen Harberger-Modell (1962) tragen sie die Kapitalbesitzer, weil Kapital nicht fliehen kann. Im offenen Modell mit mobilem Kapital verschiebt sie sich auf die Arbeitnehmer — Kapital wandert in Niedrigsteuerländer ab, der verbleibende Kapitalstock senkt die Grenzproduktivität der Arbeit.

Das Diagramm zeigt deshalb keinen „optimalen" Satz, sondern den Netto-Lohnindex als Funktion der Steuer: Wie stark der Lohn reagiert, hängt allein von der Kapitalmobilität μ ab.

Eine neue Dimension bringt der globale Mindeststeuersatz (Pillar Two, OECD/G20, seit 2024: 15 %): Er begrenzt den Steuerwettbewerb nach unten, doch Deutschlands relative Position bleibt ungünstig.

Empirisch finden Fuest, Peichl und Siegloch (2018, AER) für deutsche Unternehmen: Ein Prozentpunkt höhere Belastung senkt die Nettolöhne um rund 0,5 % — konsistent mit teilweiser Überwälzung auf die Beschäftigten auch in einem nur partiell offenen Kapitalmarkt (μ ≈ 0,7).

Ein Caveat: Eine Senkung birgt Mitnahmeeffekte. Sie kommt vor allem profitablen Unternehmen zugute, die ohnehin investieren, und wirkt nicht direkt auf Verlustunternehmen oder eigenkapitalabhängige Startups.

Die Parteien: Union will die Belastung auf rund 25 % senken, die FDP unter 25 %, die Linke die Körperschaftsteuer von 15 auf 25 % erhöhen (rund 40 % Gesamtbelastung); Grüne, SPD und BSW lassen den Satz beim Status quo (~30 %) und zielen auf Schlupflöcher; die AfD rund 22 %. Die Gesamtbelastungs-Werte unten sind transparent als „modelliert" gekennzeichnet.

Ziehen Sie am Kapitalmobilitäts-Regler: Diese eine Größe entscheidet, ob eine Unternehmensteuer die Eigentümer trifft oder die Beschäftigten.

01

Theoretische Linse

Im Harberger-Modell der geschlossenen Volkswirtschaft ist Kapital immobil (μ = 0): Es kann nicht ins Ausland abwandern, wenn die Steuerbelastung steigt. Das Kapital-Arbeits-Verhältnis bleibt unverändert, also bleibt der Lohnindex bei 100 — die gesamte Last der Steuer fällt auf die Kapitaleigentümer, da diese keine Ausweichmöglichkeit haben. Die zentrale Modellannahme — vollständige Kapitalimmobilität — ist in einer global integrierten Wirtschaft kaum erfüllt, beschreibt aber annähernd jene Unternehmen, die tatsächlich immobil sind: Familienunternehmen mit stark lokalem Kundenstamm, mittelständische Handwerksbetriebe, auf lokale Infrastruktur angewiesene Produzenten. Für diese Unternehmen trägt tatsächlich der Kapitaleigentümer die Last — was distributiv bedeutsam ist, da der Zugang zu Unternehmenseigentum in Deutschland stark mit Wohlstand korreliert (Deutsche Bundesbank PHF-Studie 2021). Allerdings entsteht selbst im geschlossenen Modell ein Harberger-Dreieck als Wohlfahrtsverlust: Die Steuer verzerrt die Kapitalallokation zwischen besteuerten Kapitalgesellschaften und nicht besteuerten Personenunternehmen. Ein Gegenargument aus postkeynesianischer Perspektive lautet, dass Unternehmensgewinne die Investitionen nicht binden, solange der Kapitalstock gut ausgelastet ist — dann hat eine höhere Steuer keinen Investitionsrückgang zur Folge, sondern erhöht nur die Einnahmen.
02

Marktdiagramm

Geschlossene Volkswirtschaft
Unternehmensteuerbelastung = 100.0Netto-Lohnindex = 100.00
8090100110120012.52537.550Unternehmensteuerbelastung t (%, gesamt)Netto-Lohnindex (Status quo = 100)Status quo DE ~30 %OECD-Ø ~22 %AfDAfD: 22 %
Parameter stilisiert, nicht empirisch kalibriert·q* = 30.0, p* = 100.0
Warum dieser Markt? Das hier dargestellte Modell ist hergeleitet, nicht stipuliert: Aus einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion Y = A·K^α·L^(1−α) und der Firmen-Optimalitätsbedingung folgt der Lohn als Funktion der Steuer w(t;μ) = 100·[(1−t)/(1−t₀)]^(μ·α/(1−α)). Der Transmissionskanal verläuft über die Kapitalverflachung: Eine höhere Steuer senkt die Nettorendite des Kapitals; bei mobilem Kapital (μ > 0) wandert Kapital ab, bis die Weltmarktrendite r̄ wieder erreicht ist. Das gesunkene Kapital-Arbeits-Verhältnis K/L senkt die Grenzproduktivität der Arbeit — der Lohn fällt. Es wird also keine Überwälzungsquote angenommen; der Lohneffekt ergibt sich aus der Modellmechanik und der Kapitalmobilität μ. μ = 0 (Harberger, geschlossen): K/L passt sich nicht an, der Lohn bleibt bei 100, das Kapital trägt die gesamte Last. μ = 1 (voll offen): volle Kapitalverflachung, maximaler Lohneffekt. Die empirisch plausible Größenordnung für Deutschland (Fuest, Peichl, Siegloch 2018) entspricht μ ≈ 0,7. Ein Caveat: Das Modell abstrahiert von der Finanzierungsstruktur — in der Realität begünstigt die Steuer über den Schuldzinsabzug Fremd- gegenüber Eigenkapital (Debt Bias).
03

Professionelles Modell

Dasselbe hergeleitete Inzidenzmodell wie in den Grundlagen, aber mit frei wählbarer Kapitalmobilität μ. Der Lohneffekt ist nicht stipuliert, sondern folgt aus der Kapitalverflachung: Eine höhere Steuer senkt die Nettorendite, Kapital wandert ab, das Kapital-Arbeits-Verhältnis sinkt und damit die Grenzproduktivität der Arbeit. μ = 0 reproduziert den geschlossenen Harberger-Fall (Kapital trägt alles, Lohn bleibt bei 100), μ = 1 die voll offene Volkswirtschaft (maximale Überwälzung auf Löhne). Der empirische Streit liegt dazwischen.

Hergeleitetes Modell: kleine offene Volkswirtschaft, Cobb-Douglas-Produktion Y = A·K^α·L^(1−α). Aus der Firmen-FOC α·A·(K/L)^(α−1)·(1−t) = r̄ folgt der Lohn w(t;μ) = 100·[(1−t)/(1−t₀)]^(μ·α/(1−α)) mit Kapitalanteil α = 0,33 und Status-quo-Belastung t₀ = 30 %. Der Mobilitätsparameter μ ∈ [0,1] interpoliert zwischen Harberger (μ = 0) und voll offen (μ = 1). Fuest, Peichl & Siegloch (2018, AER) finden für Deutschland eine Überwälzung von ~0,5 % je Prozentpunkt — das entspricht etwa μ ≈ 0,7. Clausing (2013) findet weniger, Felix (2007) deutlich mehr. Kein stipulierter shiftFactor: Der Lohneffekt emergiert aus der Modellmechanik.
Parameter kalibrieren — Kurve rechnen live neu
Kapitalmobilität μ: 0.70[0, 1]
0.70
Quelle: μ = 0 geschlossen (Harberger 1962); μ ≈ 0,7 ≈ Fuest/Peichl/Siegloch (2018, DE); μ = 1 voll offen
Inzidenz nach Kapitalmobilität
Unternehmensteuerbelastung = 22 %Netto-Lohnindex = 104
8090100110120012.52537.550Unternehmensteuerbelastung t (%, gesamt)Netto-Lohnindex (Status quo = 100)Status quo DE ~30 %OECD-Ø ~22 %AfDAfD: 22 %
Inzidenz nach Kapitalmobilität · Professionelles Modell · Kalibrierung: Hergeleitetes Inzidenzmodell w(t;μ) = 100·[(1−t)/(1−t₀)]^(μ·α/(1−α)), α = 0,33, t₀ = 30 %
Interpretation bei aktueller Kalibrierung
Mit Kapitalmobilität μ = 0.70 ergibt das Modell beim betrachteten Wert von 22 % ein Netto-Lohnindex = 103.8. μ = 0.70 → Last geteilt zwischen Kapital und Arbeit; 22 % < Status quo 30 %; Lohnindex 103.8
04

Parteipositionen

Stand: BTW 2025keine substanzielle Bewegung seither · sinngemäß paraphrasiert, keine wörtlichen Zitate — Klick aktiviert das Modell
AfD
22%
Position (sinngemäß): deutsche Unternehmenssteuern gelten als international zu hoch; Se…
BTW 2025
FDP
24%
Position (sinngemäß): Unternehmensteuerlast auf unter 25 % senken — auf ein internation…
BTW 2025
CDU/CSU
25%
Position (sinngemäß): Steuerbelastung der Unternehmen auf max. 25 % senken. (modelliert…
BTW 2025
Grüne
30%
Position (sinngemäß): Steuerschlupflöcher schließen und faire Mindestbesteuerung von Ko…
BTW 2025
SPD
30%
Position (sinngemäß): Festhalten an Gegenfinanzierung durch faire Besteuerung großer Un…
BTW 2025
BSW
30%
Position (sinngemäß): faire Besteuerung von Unternehmen und Schließen von Schlupflöcher…
BTW 2025
Linke
40%
Position (sinngemäß): Körperschaftsteuer von 15 auf 25 % erhöhen. (zzgl. SolZ und Gewer…
BTW 2025
05

Modellinterpretation

Bei Unternehmensteuerbelastung (gesamt) = 22 % ergibt das Modell „Geschlossene Volkswirtschaft": Netto-Lohnindex = 100.0. Geschlossene VW: Kapital immobil — Lohnindex ~100.
Modellvergleich: Geschlossene Volkswirtschaft: 100.0 Unternehmensteuerbelastung · Offene Volkswirtschaft: 105.5 Unternehmensteuerbelastung. Differenz: 5.5.

Regime: Geschlossene VW: Kapital immobil — Lohnindex ~100

Modelle widersprechen sich bei diesem Wert: Geschlossene Volkswirtschaft: 100.0 · Offene Volkswirtschaft: 105.5. Dieses Auseinanderfallen ist kein Fehler — es macht sichtbar, dass das Ergebnis von den Modellannahmen abhängt.
Beratungsperspektive
Was heißt das für Ihr Unternehmen?
Die Körperschaftsteuer ist die direkteste Steuergröße für Kapitalgesellschaften: Sie schmälert den Gewinn nach Steuern und damit die Investitions- und Innenfinanzierungskraft. Deutschlands Gesamtbelastung von rund 30 % liegt im internationalen Vergleich hoch.
Das Inzidenzmodell zeigt: Langfristig trägt einen Teil der Last nicht das Kapital, sondern über geringere Löhne die Arbeitnehmer — je mobiler das Kapital, desto stärker. Kurzfristig ist es ein direkter Treffer auf einbehaltene Gewinne und damit auf die Fähigkeit, aus eigener Kraft zu investieren.
Wen es trifft
Kapitalgesellschaften (GmbH, AG), besonders kapitalintensive und international mobile Betriebe; exportorientierter Mittelstand im Standortwettbewerb.
Größenordnung
Jeder 1 Pp Gesamtbelastung auf 1 Mio. € steuerlichen Gewinn = 10.000 €/Jahr.
Senkung von ~30 % auf ~25 % bei 1 Mio. € Gewinn ≈ +50.000 €/Jahr einbehalten und investierbar.
Gewerbesteuer-Hebesatz: Standortunterschiede von mehreren Prozentpunkten Gesamtbelastung — bei der Standortwahl real bezifferbar.
Was Sie jetzt tun können
→Nachsteuer-Rendite geplanter Investitionen unter Belastungsszenarien (25 / 28 / 30 %) rechnen.
→Gewerbesteuer-Hebesatz der Standorte in Ansiedlungs- und Erweiterungsentscheidungen einpreisen.
→Thesaurierung vs. Ausschüttung und Rechtsform im Lichte der Gesamtbelastung prüfen.
Gesamtbelastung = Körperschaftsteuer 15 % + Soli + Gewerbesteuer (hebesatzabhängig). Laut Inzidenzmodell langfristig teilweise auf Löhne überwälzt.
07

Modellannahmen

▶Technische Modellannahmen (Geschlossene Volkswirtschaft)
Harberger-Modell (geschlossene VW, μ = 0): Kapital ist immobil, K/L passt sich nicht an. Der Lohnindex bleibt bei 100 — die gesamte Last fällt auf das Kapital. Beschreibt standortgebundene Firmen (Familienunternehmen, lokales Handwerk). Stützt die Sicht: Unternehmensteuer ist eine Kapital-, keine Arbeitssteuer.