PRÜFSTAND
Stand · Mo., 26. Oktober 2026
Steuern · Vermögensteuer

Bei welchem Satz kippt das Aufkommen — weil die Basis schneller flieht, als der Satz steigt?

PRÜFSTAND-Analyse · primärquellen-geprüft · Modell durchgerechnet
Netto-Aufkommen:20.0 Mrd. €/Jahr(Δ +20.0 vs. ohne Steuer)live · Modell

Eine Vermögensteuer klingt nach viel Geld für den Staat. Das eigentliche Problem steht in keinem Wahlprogramm: Je höher der Satz, desto schneller verschwindet die Basis.

Besteuert wird das Nettovermögen oberhalb eines Freibetrags. Ökonomisch zielt das auf die Vermögenskonzentration, die sich über Kapitalrenditen selbst verstärkt — Pikettys Befund von 2014: Liegt die Kapitalrendite dauerhaft über dem Wachstum (r > g), wächst Vermögen schneller als Arbeitseinkommen.

Wie ungleich es in Deutschland zugeht, zeigt die Bundesbank-Studie PHF 2021: Die reichsten 10 % der Haushalte halten 58 % des Nettovermögens, die ärmsten 50 % nur 2,5 % — eine der ungleichsten Verteilungen der Eurozone.

Schon einmal gab es die Steuer: bis 1997. Das Bundesverfassungsgericht kippte sie 1995, weil Immobilien und Unternehmensanteile über veraltete Einheitswerte viel zu niedrig bewertet wurden. Die Bewertung bleibt bis heute die Achillesferse.

Der eigentliche Haken ist die Kapitalfluchtelastizität. Zucman (2013) schätzt, dass rund 8 % des globalen Privatvermögens offshore liegen. Bach, Thiemann und Zucco (2019, DIW) rechnen für eine deutsche Vermögensteuer von 1 % mit einer Erosion der Bemessungsgrundlage von 20 bis 30 % durch legale Verlagerung — über Betriebsvermögen, Stiftungen, Ausland. Das Aufkommen liegt damit deutlich unter naiven Berechnungen, real eher bei rund 20 Mrd. €.

Damit wird das Aufkommen zu einer Laffer-artigen Größe: Es gibt einen einnahmen-maximierenden Satz, der nicht aus einem politischen Wunsch folgt, sondern aus der Mobilität der Basis (τ* = 1/ε). Jenseits davon verjagen höhere Sätze mehr Substanz, als sie einbringen.

Die Parteien: Die Linke nennt als Einzige einen konkreten Pfad — ab 1 %, steigend bis 5 % für Milliardärsvermögen. SPD, Grüne und BSW wollen sehr hohe Vermögen besteuern, beziffern aber keinen Satz (im Modell mit 1 % abgebildet). Union, FDP und AfD lehnen ab.

Ziehen Sie unten am Erosions-Regler: Der „richtige" Satz ist keine Meinung, sondern der Punkt, an dem die Basis zu fliehen beginnt.

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Theoretische Linse

Die optimistische Lesart: Vermögen ist träger, als die Steuerskeptiker behaupten. Immobilien sind standortgebunden, Betriebsvermögen lässt sich nicht über Nacht verlagern, und internationale Transparenzregeln (automatischer Informationsaustausch, Pillar Two) haben Offshore-Verlagerung erschwert. Bei nur ~20 % Basiserosion je 1 % Satz liegt das Aufkommensmaximum erst bei τ* ≈ 4,5 % — eine Vermögensteuer bringt in diesem Bild über einen weiten Satzbereich substanzielle Mehreinnahmen. Piketty-nah.
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Marktdiagramm

Aufkommens-optimistisch (geringe Flucht)
Steuersatz = 21.3Netto-Aufkommen = 21.34Einnahmen = 21.3
012.52537.55001.534.56Vermögensteuersatz τ (% p. a.)Netto-Aufkommen (Mrd. €/Jahr)τ* ≈ 3,5 % (zentral, Erosion 25 %)≈ 20 Mrd. € (DIW: 1 % Satz)LinkeLinke: 1 % p.a.
Parameter stilisiert, nicht empirisch kalibriert·q* = 4.5, p* = 44.0
Warum dieser Markt? Das Diagramm ist KEINE Buchhaltungsidentität „Satz × Basis", sondern ein hergeleitetes Aufkommensmodell. Auf der X-Achse liegt der Steuersatz τ, auf der Y-Achse das Netto-Aufkommen R(τ) = τ·B₀·e^(−ε·τ). Der Transmissionsmechanismus läuft über die Verhaltensreaktion der Basis: Die steuerpflichtige Basis B(τ) = B₀·e^(−ε·τ) schrumpft exponentiell mit dem Satz, weil mobile Vermögensformen (Finanzvermögen, Stiftungen, Auslandsverlagerung) ausweichen und Verschonungsregeln genutzt werden. Daraus folgt ein Aufkommensmaximum bei τ* = 1/ε: Links davon (aufsteigender Ast) überwiegt der Satzeffekt, eine Erhöhung steigert das Aufkommen; rechts davon (absteigender Ast) überwiegt die Basiserosion, höhere Sätze verjagen mehr Substanz, als sie an Aufkommen bringen. Die Semi-Elastizität ε wird über die bei 1 % berichtete Basiserosion kalibriert (ε = −ln(1 − Erosion@1 %)); B₀ ist so geeicht, dass das Aufkommen bei 1 % und zentraler Erosion dem DIW/Bach-Wert von ~20 Mrd. € entspricht. Ein wichtiges Caveat bleibt die Bewertungspraxis: Nicht börsennotierte Unternehmensanteile und Immobilien lassen sich nur mit erheblichem Aufwand realistisch bewerten; Unterbewertungen schaffen zusätzliche Vermeidungsanreize und sind im Parameter ε implizit mitenthalten.
03

Professionelles Modell

Dasselbe hergeleitete Aufkommensmodell R(τ) = τ·B₀·e^(−ε·τ), aber mit frei wählbarer Basiserosion. Der gesamte empirische Streit dreht sich um diese eine Zahl: Wie stark schrumpft die steuerpflichtige Basis je Prozentpunkt Satz? Bach, Thiemann & Zucco (2019) schätzen 20–30 % bei 1 %; daraus folgt ein einnahmen-maximierender Satz τ* zwischen ~2,8 % und ~4,5 %. Der Regler macht sichtbar, wie empfindlich das „optimale" Vermögensteuer-Niveau von dieser umstrittenen Elastizität abhängt.

Das Modell ist KEINE Buchhaltungsidentität „Satz × Basis", sondern bildet die Verhaltensreaktion ab: B(τ) = B₀·e^(−ε·τ) schrumpft exponentiell mit dem Satz (Kapitalflucht, Stiftungen, Auslandsverlagerung, Verschonungsnutzung). Der einnahmen-maximierende Satz τ* = 1/ε EMERGIERT daraus — analog zur Diamond-Saez-Logik t* = 1/(1+a·e) beim Spitzensteuersatz. Kalibrierung: ε = −ln(1 − Erosion@1 %); B₀ ≈ 2 667 Mrd. € so geeicht, dass R(1 %, 25 %) ≈ 20 Mrd. € (DIW/Bach). Default-Erosion 25 % ⇒ τ* ≈ 3,5 %. Bei τ < τ* steigert eine Erhöhung das Aufkommen; jenseits von τ* dominiert die Erosion und das Netto-Aufkommen sinkt wieder.
Parameter kalibrieren — Kurve und Optimum rechnen live neuτ* = 3.5 % p.a.
Basiserosion je 1 % Satz (%): 25%[15, 40]
25%
Quelle: empirischer Streit: Bach, Thiemann & Zucco (2019) 20–30 %; OECD (Perret et al. 2021) Kapitalflucht ab ~2–3 % Satz
Aufkommen nach Erosionselastizität
Steuersatz = 1 % p.a.Netto-Aufkommen = 20τ* = 3 % p.a.
012.52537.55001.534.56Vermögensteuersatz τ (% p. a.)Netto-Aufkommen (Mrd. €/Jahr)τ* ≈ 3,5 % (zentral, Erosion 25 %)≈ 20 Mrd. € (DIW: 1 % Satz)τ* = 3 % p.a.LinkeLinke: 1 % p.a.
Aufkommen nach Erosionselastizität · Professionelles Modell · Kalibrierung: Hergeleitetes Aufkommensmodell R(τ) = τ·B₀·e^(−ε·τ), B₀ ≈ 2 667 Mrd
Interpretation bei aktueller Kalibrierung
Mit Basiserosion je 1 % Satz = 25% ergibt sich ein einnahmen-maximierender Satz von τ* ≈ 3.5 % p.a.. Der aktuell betrachtete Satz von 1 % liegt unter dem Optimum — auf dem aufsteigenden Ast: eine Erhöhung würde laut Modell die Einnahmen steigern. Modell-Einnahmen beim gewählten Satz: 20 Mrd. €.
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Parteipositionen

Stand: BTW 2025keine substanzielle Bewegung seither · sinngemäß paraphrasiert, keine wörtlichen Zitate — Klick aktiviert das Modell
Linke
1% p.a.
Position (sinngemäß): progressive Vermögensteuer ab 1 Mio. € beginnend bei 1 %, mit dem…
BTW 2025
SPD
1% p.a.
Position (sinngemäß): Wiederbelebung der Vermögensteuer auf sehr hohe Vermögen mit mode…
BTW 2025
Grüne
1% p.a.
Position (sinngemäß): primär eine international koordinierte Milliardärssteuer statt ei…
BTW 2025
BSW
1% p.a.
Position (sinngemäß): moderate Vermögensteuer auf extreme Vermögen, Mittelstand und Bet…
BTW 2025
CDU/CSU
0% p.a.
Position (sinngemäß): Ablehnung einer Vermögensteuer — Argumente: Kapitalflucht, Bedroh…
BTW 2025
FDP
0% p.a.
Position (sinngemäß): entschiedene Ablehnung — eine Vermögensteuer würde Investitionen …
BTW 2025
AfD
0% p.a.
Position (sinngemäß): Ablehnung — Eigentumsrechte unantastbar; eine Vermögensteuer sei …
BTW 2025
05

Modellinterpretation

Bei Steuersatz = 1 % p.a. ergibt das Modell „Aufkommens-optimistisch (geringe Flucht)": Netto-Aufkommen = 21.3. Geringe Flucht (τ* ≈ 4.5 %): Satz 1.0 % < τ* 4.5 % — aufsteigender Ast: Erhöhung steigert das Aufkommen; Aufkommen 21.3 Mrd. €.
Modellvergleich: Aufkommens-optimistisch (geringe Flucht): 21.3 Steuersatz · Flucht-pessimistisch (hohe Mobilität): 18.7 Steuersatz. Differenz: 2.7.

Regime: Geringe Flucht (τ* ≈ 4.5 %): Satz 1.0 % < τ* 4.5 % — aufsteigender Ast: Erhöhung steigert das Aufkommen; Aufkommen 21.3 Mrd. €

Modelle widersprechen sich bei diesem Wert: Aufkommens-optimistisch (geringe Flucht): 21.3 · Flucht-pessimistisch (hohe Mobilität): 18.7. Dieses Auseinanderfallen ist kein Fehler — es macht sichtbar, dass das Ergebnis von den Modellannahmen abhängt.
Beratungsperspektive
Was heißt das für Ihr Unternehmen?
Eine Vermögensteuer trifft nicht nur Privatvermögen, sondern das Betriebsvermögen der Inhaber — und weil sie unabhängig vom Gewinn anfällt, kann sie in schwachen Jahren zum Liquiditätsproblem werden (Substanzbesteuerung).
Die im Modell sichtbare „Erosion" ist in der Praxis vor allem eine Frage von Bewertung und Verschonung: Das Bundesverfassungsgericht kippte 1995 die alte Vermögensteuer gerade an der Bewertung des Betriebsvermögens. Für Familienunternehmen ist das zentrale Risiko, eine jährliche Abgabe auf den Unternehmenswert aus einem margenschwachen Geschäft zahlen zu müssen.
Wen es trifft
Inhaber von Familienunternehmen und Personengesellschaften mit hohem Betriebsvermögen, immobilienlastige Betriebe; breit gestreute börsennotierte Firmen weniger (dort trifft es die Anteilseigner einzeln).
Größenordnung
1 % auf 50 Mio. € betriebliches Nettovermögen = 500.000 €/Jahr — fällig auch im Verlustjahr, sofern keine Verschonung greift.
Mit Freibeträgen und Betriebsvermögens-Verschonung schrumpft die effektive Basis deutlich (genau die „Erosion" im Modell) — die reale Last hängt fast vollständig vom Gesetzesdesign ab.
Liquiditätsrisiko: In einem Jahr mit 2 % Umsatzrendite kann eine 1-%-Substanzsteuer einen erheblichen Teil des Gewinns aufzehren.
Was Sie jetzt tun können
→Substanzsteuer-Exposure in schwachen Jahren durchrechnen (Steuer auf Vermögen vs. laufender Gewinn).
→Betriebsvermögensbewertung und mögliche Verschonungsregeln früh kartieren.
→Liquidität stresstesten und den Ausschüttungs-/Finanzierungsbedarf zur Steuerzahlung einplanen.
Stark designabhängig (Freibeträge, Betriebsvermögens-Verschonung, Bewertung); knüpft direkt an den Erosionsparameter des Modells an.
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Modellannahmen

▶Technische Modellannahmen (Aufkommens-optimistisch (geringe Flucht))
Geringe Basiserosion (~20 % bei 1 %): ε ≈ 0,22, τ* ≈ 4,5 %. Stützt die Sicht, dass eine Vermögensteuer netto verlässlich Geld bringt, weil das meiste Vermögen (Immobilien, illiquide Beteiligungen) kaum ausweichen kann. Aufkommen R(τ)=τ·B₀·e^(−ε·τ).