Die Schlagzeile ist zur Dauerschleife geworden: Pleitewelle, Rekordinsolvenzen, mehr als in der Finanzkrise. Und der harte Kern stimmt: Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle zählt für das zweite Quartal 2026 knapp 5.000 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften, den höchsten Stand seit 2005. Nur ergibt die Zahl allein ein schiefes Bild. Eine Insolvenz ist nur eine von mehreren Arten, wie ein Unternehmen vom Markt verschwindet, und die seltenste: Von den rund 188.000 Firmen, die 2025 geschlossen wurden, ging nur etwa jede achte durch ein Insolvenzverfahren. Der weit größere Teil verschwindet leise, oft bei guter Bonität. Gegenzurechnen ist ohnehin die andere Seite, und sie fehlt in der Debatte fast vollständig: Nach den amtlichen Gewerbemeldungen wurden 2025 mehr Betriebe gegründet als aufgegeben, wie in jedem Jahr seit 2003. Der Bestand schrumpft also nicht. Was bleibt, ist ein Vorgang, der keine Schlagzeile macht, weil er langsam kommt: Den Betrieben gehen die Nachfolger aus. Vier Dinge lohnt es deshalb zu trennen: was die Pleitezahl wirklich sagt, was der Bestand dazu sagt, warum die Pleiten trotzdem steigen, und wer die Last am Ende trägt.
| Größe | Wert | Anmerkung |
|---|---|---|
| Insolvenzen Q2 2026 (IWH) | 4.996 | höchster Stand seit 2005 (damals 5.295); über 2009 |
| August 2026 | 1.525 | −10 % zum Juli, aber +63 % über dem Vorkrisenschnitt 2016–2019 |
| Betroffene Arbeitsplätze | über 16.000 | August, größte 10 % der Fälle: +103 % über Vorkrise bei Fällen +63 % |
| Gründungen zu Aufgaben 2025 | 130.100 zu 99.900 | größere Betriebe (Destatis); Gründungen über Aufgaben wie in jedem Jahr seit 2003 |
| Firmenschließungen 2025 | ~188.000 | Creditreform/ZEW; +10 % zum Vorjahr |
| — davon Insolvenzen | ~13 % | jede achte |
| — Abmeldungen / Geschäftsaufgaben | ~43 % | ohne Insolvenzverfahren |
| — „nicht mehr wirtschaftsaktiv" | ~43 % | unterstellte Inaktivität, weichste Kategorie |
| Schließungsquote | 5 bis 7,8 % | je Land; Bremen Spitze, Baden-Württemberg/Hamburg je 5,3 % |
| Inhaber 65+ bei freiwilligen Schließungen | 29 % | 2002: 14 % (Creditreform/ZEW) |
| KMU mit Stilllegungsplänen bis Ende 2026 | ~243.000 | konditional (KfW): wenn alle Pläne umgesetzt werden |
| Kurzfristige Nachfolgewünsche bis Ende 2026 | ~186.000 | KfW; davon 64 % ausgehandelt oder in Verhandlung, rund 26.000 dürften scheitern |
| Abstand Gründungen minus Aufgaben | 2022: 25.600; 2023: 21.900; 2024: 21.700; 2025: 30.200 | größere Betriebe, eigene Differenz aus den Destatis-Jahreswerten |
| 1. Halbjahr 2026 | 69.600 zu 49.800 | Abstand 19.800 nach 15.800 im Vorjahreshalbjahr (Gründungen +3,0 %, Aufgaben −3,8 %) |
| Prüfgröße | Abstand, Zusammensetzung, Reallokation, Nachfolge | zwei beziffert; offen bleiben Sanierungsquote, Reallokation im laufenden Zyklus, Substanzvergleich |
Zunächst das, was stimmt. Der IWH-Insolvenztrend, der die Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften monatlich erfasst, zählt im zweiten Quartal 2026 rund 4.996 Fälle, den höchsten Stand seit 2005 (damals 5.295); auch der Finanzkrisenwert von 2009 ist übertroffen. Im August 2026 waren es 1.525 Fälle, zehn Prozent weniger als im Juli, aber neun Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Befund „so viele Firmenpleiten wie seit rund zwei Jahrzehnten nicht" ist also korrekt und nicht zu verharmlosen.
Bemerkenswert ist die zweite Zahl, und sie relativiert die verbreitete Beruhigung, es treffe ja nur wenige. In den größten zehn Prozent der insolventen Unternehmen waren im August über 16.000 Arbeitsplätze betroffen, mehr als doppelt so viele wie in einem durchschnittlichen August der Vorkrisenjahre 2016 bis 2019 (plus 103 Prozent), während die Fallzahl im selben Vergleich „nur" 63 Prozent darüber liegt. Gemessen an der Vorkrise fallen also im Schnitt größere Betriebe aus. Auf 2005 lässt sich das nicht ausdehnen: Für den damaligen Rekord liegen keine vergleichbaren Beschäftigtenzahlen vor, der Größenbefund gilt gegenüber 2016 bis 2019. Wer die Pleiten kleinredet, weil ihre Zahl hinter alten Rekorden zurückbleibt, übersieht dieses Gewicht trotzdem.
Und doch misst all das nur einen Ausschnitt. Eine Insolvenz ist die erzwungene Form des Marktaustritts, das gerichtliche Verfahren bei Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung. Daneben gibt es die geordnete Abmeldung und Geschäftsaufgabe ohne Verfahren. Nach der Auswertung von Creditreform und dem ZEW aus dem Mannheimer Unternehmenspanel wurden 2025 rund 188.000 Unternehmen geschlossen, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Davon war nur etwa jede achte, rund 13 Prozent, eine Insolvenz. Rund 43 Prozent waren Handelsregisterabmeldungen oder recherchierte Geschäftsaufgaben ohne Verfahren. Die restlichen rund 43 Prozent sind Unternehmen, die die Auswertung als „nicht mehr wirtschaftsaktiv" einstuft, also unterstellte Inaktivität statt beobachteter Austritt. Diese weichste Kategorie trägt fast die Hälfte der Gesamtzahl; man sollte die 188.000 deshalb als Obergrenze lesen, nicht als exakten Zähler.
Marktaustritte sind für sich genommen nichts Schlimmes, sondern der normale Puls einer Marktwirtschaft. Jedes Jahr entstehen Unternehmen und andere vergehen; erst der Saldo aus Gründungen und Schließungen sagt, ob der Bestand wächst oder schrumpft. Die reine Schließungszahl misst nur die eine Seite. Wie hoch die Austrittsquote ist, weist Creditreform selbst aus: Sie reicht 2025 je nach Bundesland von rund fünf Prozent (Baden-Württemberg und Hamburg je 5,3) bis 7,8 Prozent in Bremen, also ein einstelliger Anteil des Bestands. Ob daraus ein Schrumpfen wird, entscheidet der Vergleich mit den Gründungen, den die Gewerbemeldungen des Statistischen Bundesamtes liefern. Diese Bezugsgröße fehlt in der Schlagzeile, dabei liegt sie längst vor.
Und sie zeigt für 2025 ein anderes Vorzeichen. Das Statistische Bundesamt zählt rund 762.400 Gewerbeanmeldungen, 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr, gegen rund 612.900 Abmeldungen, ein Prozent weniger. Enger gefasst, bei den größeren Betrieben, deren Anmeldung auf eine nennenswerte wirtschaftliche Bedeutung schließen lässt, stehen 130.100 Betriebsgründungen (plus 7,6 Prozent) gegen 99.900 Betriebsaufgaben (plus 0,8 Prozent). Die Gründungen liegen damit über den Aufgaben, wie in jedem Jahr seit Beginn der Zeitreihe 2003. Die beiden Statistiken zählen allerdings nicht dasselbe: Die Gewerbemeldungen erfassen jede An- und Abmeldung bis hinunter zum Kleinst- und Nebenerwerbsgewerbe, das Mannheimer Unternehmenspanel dagegen wirtschaftlich aktive Unternehmen. Die 188.000 lassen sich deshalb nicht von den 612.900 abziehen. Aber innerhalb der amtlichen Reihe, und nur dort ist der Saldo sauber gebildet, schrumpft der Bestand 2025 nicht. Wer allein aus der Schließungszahl auf einen schrumpfenden Unternehmensbestand schließt, überspringt diesen Befund.
Ein positives Vorzeichen allein sagt allerdings wenig, deshalb gehört die nächste Frage dazu: Wächst der Abstand zwischen Gründungen und Aufgaben oder schrumpft er? Er schrumpfte bis 2024 und wächst seither. Bei den größeren Betrieben lag er 2022 bei 25.600 (115.100 Gründungen gegen 89.500 Aufgaben), 2023 bei 21.900 (118.500 zu 96.600), 2024 bei 21.700 (120.900 zu 99.200) und 2025 bei 30.200 (130.100 zu 99.900). Die Jahreswerte sind amtlich, die Differenzen daraus unsere eigene Rechnung. Im ersten Halbjahr 2026 stehen 69.600 Gründungen gegen 49.800 Aufgaben, ein Abstand von 19.800 nach 15.800 im Vorjahreshalbjahr, und diesmal nicht nur wegen steigender Gründungen (plus 3,0 Prozent), sondern auch wegen sinkender Aufgaben (minus 3,8 Prozent). Wer erwartet, dass die Rekordinsolvenzen den Bestand aufzehren, findet dafür in der amtlichen Reihe bis Mitte 2026 keine Bestätigung.
Was dieser Abstand nicht leistet, gehört unmittelbar daneben, sonst trägt man ihn zu weit. Die Gewerbeanzeigenstatistik zählt Meldungen. Als Gründung eines Betriebs „mit größerer wirtschaftlicher Bedeutung" gilt die Anmeldung durch eine juristische Person oder eine Personengesellschaft, bei einer natürlichen Person nur dann, wenn sie im Handelsregister eingetragen ist, eine Handwerkskarte besitzt oder mindestens einen Arbeitnehmer beschäftigt; für die Aufgabe gilt sinngemäß dasselbe, dort ohne die Handwerkskarte. Das ist eine formale Schwelle, keine gemessene Größe. Die Statistik gliedert ihre Meldungen zwar auch nach der Zahl der tätigen Personen, aber diese Aufteilung steht nicht in den amtlichen Pressezahlen, sondern in der Datenbank GENESIS, und wir haben sie nicht ausgewertet. Umsätze, Produktivität, Kundenbeziehungen oder Erfahrungswissen erfasst sie ohnehin nicht. Ob die 130.100 Gründungen des Jahres 2025 dieselbe Substanz tragen wie die 99.900 Aufgaben, ist mit den veröffentlichten Zahlen deshalb nicht zu beantworten, und wir behaupten es in keine der beiden Richtungen. Dass Zahl und Substanz auseinanderfallen können, zeigt eine Schätzung der Bundesbank: Ein Anstieg der Betriebsgründungen wirkt auf die Arbeitsproduktivität erst ab dem dritten Jahr, und dann in einer Spanne von 0,1 bis 0,2 Prozent.
Die Austritte selbst haben verschiedene Gestalten, und die Statistik bildet sie nur grob ab. Die erste ist die Insolvenz, der erzwungene Ausfall eines Geschäftsmodells, das die Kosten nicht mehr deckt. Die zweite ist die freiwillige, geordnete Aufgabe: Der Inhaber schließt, solange die Bilanz stimmt, zahlt die Gläubiger und meldet ab; diese Fälle tauchen in keiner Insolvenzstatistik auf. Quer zu beiden liegt der demografische Grund: Fast ein Drittel der freiwilligen Schließungen erfolgt inzwischen aus Altersgründen, und der Anteil der Inhaber ab 65 Jahren bei diesen Schließungen ist von 14 Prozent im Jahr 2002 auf 29 Prozent gestiegen. Die große Restkategorie der bloß „nicht mehr aktiven" Firmen lässt sich dagegen keinem dieser Wege sauber zuordnen; sie ist der statistische Nebel, in dem sich Aufgabe, Ruhendstellung und schlichte Meldelücke mischen.
Diese Unschärfe ist wichtig, weil sie die Debatte diszipliniert. Eine steigende Insolvenzzahl kann ein Zeichen von Bereinigung sein oder von realer Not. Eine steigende Zahl geordneter und altersbedingter Schließungen wäre bei schwacher Gründung etwas Drittes, ein leiser Substanzverlust; die Gründungsseite ist 2025 allerdings nicht schwach, was diesen Verdacht dämpft, aber nicht ausräumt, weil Zahl und Substanz zweierlei sind. Und ein wachsender Block unscharf „inaktiver" Firmen ist vor allem eines: ein Grund, die Gesamtzahl nicht zu überinterpretieren. Wer alle drei in einen Topf „Pleitewelle" wirft, macht aus verschiedenen Vorgängen eine einzige, falsche Geschichte.
Warum steigen die Insolvenzen gerade jetzt? Eine verbreitete Erklärung ist der Nachhol- und Bereinigungseffekt. Während der Pandemie stützte der Staat die Wirtschaft mit dreistelligen Milliardenbeträgen und setzte zeitweise die Insolvenzantragspflicht aus; jahrelange Nullzinsen hielten die Finanzierungskosten künstlich niedrig. Das hielt auch Unternehmen am Leben, deren Ertrag die Zinslast nicht deckte, die sogenannten Zombie-Unternehmen. Mit dem Auslaufen der Hilfen und der Zinswende fällt diese Stütze weg, und der aufgestaute Austritt holt sich nach. Ökonomisch ist das die schöpferische Zerstörung nach Schumpeter: Der Austritt unproduktiver Firmen setzt Arbeitskräfte und Kapital für produktivere frei, gerade bei Fachkräftemangel ein Gewinn. In dieser Lesart wäre ein Teil des Anstiegs sogar gesund. Wie groß der Zombie-Anteil aber wirklich war, ist nicht belegt; die These bleibt eine Hypothese, keine gemessene Größe.
Gegen die reine Bereinigungsdeutung sprechen die Daten selbst. Ein bloßer Nachholeffekt müsste zum Vorkrisenniveau zurückkehren; die Insolvenzen aber verharren Monat für Monat 60 bis über 70 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019: im März 71 Prozent, im August 63 Prozent. Das ist keine Normalisierung, das ist ein neues, höheres Plateau, das auf reale Lasten deutet: schwache Konjunktur, hohe Energie- und Finanzierungskosten. Hohe Realzinsen und ein Energieschock treffen eben nicht nur Zombies, sondern auch im Kern gesunde Betriebe, die unter normalen Bedingungen überlebt hätten. Dann bereinigt der Markt nicht, er vernarbt, er vernichtet lebensfähige Kapazität. Die Ökonomie kennt beide Fälle: Foster, Haltiwanger und Krizan zeigen, dass Rezessionen die Produktivität steigern können, wenn die Schwachen ausscheiden (cleansing); Caballero und Hammour halten dagegen, dass Krisen auch gesunde Firmen mitreißen (scarring).
Welcher Fall vorliegt, entscheidet nicht die Fallzahl, sondern die Qualität der Bereinigung. Die saubere Messgröße dafür wäre die Sanierungsquote: Wie oft wird ein insolventes Unternehmen fortgeführt oder saniert, wie oft zerschlagen? Diese Größe liegt für 2026 nicht in belegter Form vor; wir behaupten sie deshalb nicht. Was sich belegen lässt, deutet aber nicht auf eine ablaufende Bereinigung: Das Niveau bleibt dauerhaft weit über der Vorkrise, die betroffenen Betriebe sind größer, und die Höchstwerte im März verteilten sich mit Bau, Einzelhandel und unternehmensnahen Dienstleistungen über sehr verschiedene Branchen, bei regionalen Rekordwerten in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Eine Bereinigung, die auf einzelne kranke Ecken der Wirtschaft zielt, sähe anders aus. Die ehrliche Antwort lautet deshalb: Ein Teil des Anstiegs ist wohl Bereinigung, aber die Behauptung, es sei überwiegend gesund, trägt die Datenlage nicht.
Neben der Sanierungsquote gibt es eine zweite Messgröße, und für die existiert wenigstens eine deutsche Rechnung, allerdings für die Pandemie und nicht für heute. Die Bundesbank hat das Produktivitätswachstum des Jahres 2020 zerlegt. Der unternehmensspezifische Effekt, also die Effizienz im Durchschnitt der Betriebe, lag bei minus 4,7 Prozentpunkten, vor allem wegen der Kurzarbeit. Die Verschiebung von Beschäftigung zwischen Unternehmen wirkte dem entgegen, dämpfte den Rückgang aber nur um knapp einen Prozentpunkt; die Arbeitsproduktivität sank trotzdem um fast vier Prozent. Aussagekräftiger ist der Zeitvergleich: Der Abstand im Beschäftigungswachstum zwischen hoch- und wenig produktiven Unternehmen betrug 2020 wie schon in der Finanzkrise fast vier Prozentpunkte, in den ruhigen Jahren 2011 bis 2019 dagegen im Mittel 6,5. In der Krise wanderte Beschäftigung also nicht stärker zu den produktiven Firmen als sonst, sondern schwächer; einen Cleansing-Effekt konnte die Bundesbank daraus nicht erkennen und vermutet die staatlichen Hilfen als einen Grund. Die Rechnung stützt sich auf gut 2.000 befragte Unternehmen und ist entsprechend unsicher. Für den Insolvenzzyklus 2024 bis 2026 liegt uns keine vergleichbare Zerlegung vor. Die Reallokationsproduktivität bleibt damit eine offene Prüfgröße und kein Befund, so wie die Sanierungsquote.
Der Vorgang mit der längsten Wirkung steht in keiner Pleitestatistik, und der eben besprochene Abstand zwischen Gründungen und Aufgaben bildet ihn aus demselben Grund nur unvollständig ab. Ob die neu angemeldeten Betriebe die Kundenbeziehungen, die eingearbeiteten Belegschaften und das Erfahrungswissen der abgegebenen ersetzen, sagt eine Saldenzahl nicht. Nach dem Nachfolge-Monitoring der KfW waren 2025 57 Prozent der mittelständischen Unternehmerschaft 55 Jahre oder älter, gut zwei Millionen Menschen und drei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr; vor zwanzig Jahren lag dieser Anteil bei 20 Prozent. Diese Generation tritt ab, und es rückt zu wenig nach. Jedes vierte mittelständische Unternehmen will nach dem Ausscheiden der Senior-Generation gar nicht erst fortgeführt werden. Daraus stammt die oft zitierte Zahl von rund 243.000 kleinen und mittleren Unternehmen, die bis Ende 2026 ohne Nachfolge aus dem Markt gingen, allerdings nur, wenn alle diese Inhaber ihre Pläne auch umsetzen; es ist eine bedingte Projektion, kein Ist-Wert. Über den längeren Horizont bis Ende 2029 stehen 569.000 Unternehmen ohne geplante Fortführung, rund 114.000 im Jahr, gegen 545.000 mit Nachfolgewunsch, rund 109.000 im Jahr. Dieser erstmalige Überhang der Stilllegungs- über die Nachfolgeabsichten ist real, aber schmal und aus einer Befragung geschätzt.
Vor allem aber darf man diesen Block nicht pauschal zum Verlust erklären. Die KfW selbst trennt zwei Gruppen: attraktive, ertragsstarke Firmen, die schlicht keinen Käufer finden, und wirtschaftlich unattraktive Kleinstbetriebe, die die Masse der Stilllegungspläne stellen. Nur bei der ersten Gruppe verschwindet wirklich funktionierende Substanz, mit eingearbeiteten Beschäftigten, Kundenbeziehungen und Wissen; bei der zweiten ist die Schließung ökonomisch wenig dramatisch. Der ehrliche Satz lautet also nicht „hier verschwinden gesunde Unternehmen", sondern: In einem Teil dieser Fälle geht produktive Substanz verloren, die niemand weiterführt, und dieser Teil wächst mit der Demografie. Anders als der konjunkturelle Insolvenzzyklus, der mit der nächsten Zinssenkung dreht, ist diese Ursache hartnäckig: Die geburtenstarken Unternehmerjahrgänge gehen, und die Zahl derer, die übernehmen wollen, hält nicht Schritt: Erstmals stehen den Nachfolgeabsichten etwas mehr Stilllegungsabsichten gegenüber.
Wie groß der Teil mit echtem Substanzverlust ist, lässt sich am kurzen Ende beziffern, und zwar von der anderen Seite her. Neben den 243.000 Stilllegungsplänen bis Ende 2026 stehen rund 186.000 Inhaber, die bis dahin abgeben und dabei eine Nachfolge anstreben, etwa fünf Prozent aller mittelständischen Unternehmen. Von diesen kurzfristigen Nachfolgen waren zum Erhebungszeitpunkt im Frühjahr 2025 rund 119.000 entweder final ausgehandelt (30 Prozent) oder in konkreten Verhandlungen (34 Prozent). Weitere 21 Prozent suchten noch, und rund 26.000 Unternehmen, also 14 Prozent, müssen nach Einschätzung der KfW mit dem Scheitern ihrer Pläne rechnen, weil sie in den Prozess noch gar nicht eingestiegen sind oder bislang nur Informationen gesammelt haben. Diese 26.000 sind die belegte Näherung an die Gruppe, um die es ökonomisch geht: Betriebe, die fortgeführt werden sollen und für die sich niemand findet. Dazu passt, dass nachfolgeplanende Unternehmen nach den Auswertungen der KfW in der Regel durch gute Ertragskraft, Eigenkapitalstärke und finanzielle Robustheit gekennzeichnet sind. Kurzfristige Nachfolgewünsche sind gegenüber der Vorjahresbefragung übrigens um 29.000 zurückgegangen.
Wie sich umgekehrt die 243.000 Stilllegungspläne nach wirtschaftlicher Attraktivität aufteilen, weist das Nachfolge-Monitoring nicht aus. Diese Zahl fehlt, und wir schätzen sie nicht. Die KfW hält lediglich fest, dass sich viele Inhaber bewusst für die Aufgabe entscheiden, obwohl das Geschäftsmodell und der erzielbare Kaufpreis die Suche nach einem Nachfolger durchaus rechtfertigen würden. Bei den Gründen führt das Rentenalter mit 52 Prozent der Unternehmen mit Stilllegungsplänen, 47 Prozent nennen fehlendes Interesse in der Familie und 42 Prozent den bürokratischen Aufwand, der im Jahresvergleich am stärksten an Bedeutung gewonnen hat. Das erklärt, warum abgegeben wird, nicht, wie viel Substanz dabei verloren geht.
Ein Marktaustritt ist kein abstrakter Vorgang, und die Last verteilt sich ungleich. Auf der Beschäftigtenseite standen allein im August über 16.000 Arbeitsplätze in den größten zehn Prozent der Fälle, ein Drittel mehr als im Vorjahresmonat. Auf der Gläubigerseite bezifferten die Amtsgerichte die Forderungen aus den Unternehmensinsolvenzen des Jahres 2024 auf rund 58,1 Milliarden Euro; diese Summe trifft Lieferanten, Banken und Sozialkassen, also Dritte, die den Ausfall nicht verursacht haben. Nach Branchen trifft es 2025 vor allem das Gastgewerbe mit rund 15.000 Schließungen (plus 15 Prozent) und die Arztpraxen mit rund 5.500 (plus 23 Prozent), wobei der zweite Fall die Versorgung berührt und nicht nur den Markt. Regional reicht die Schließungsquote von 5,3 Prozent in Baden-Württemberg und Hamburg bis 7,8 Prozent in Bremen, und die Insolvenzrekorde im März lagen ausgerechnet in den großen Industrieländern Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.
Man kann die Entwarnung also überziehen, und deshalb gehört die harte Seite klar benannt: Das Niveau liegt dauerhaft weit über der Vorkrise, die betroffenen Betriebe werden größer, und der Vergleich „mehr als in der Finanzkrise" stimmt für das IWH-Maß, auch wenn er einordnungsbedürftig bleibt, weil er absolute Fälle gegen eine gewachsene Wirtschaft stellt und nur einen Teil des Austrittsgeschehens erfasst. Die faire Bilanz ist deshalb doppelt: Ja, die Pleiten sind auf einem Zwanzigjahreshoch, und ein erheblicher Teil davon ist reale Not, keine gesunde Auslese. Aber die Erzählung von der einen großen Pleitewelle führt trotzdem in die Irre, weil sie die seltenste Austrittsform für das Ganze nimmt, die weiche Restkategorie mitzählt und den demografischen Verlust übersieht. Wer das Problem an der Insolvenzzahl festmacht, greift die falschen Instrumente, etwa neue Stützungsprogramme, die die nächste Zombie-Generation schaffen. Die wirksamen Hebel liegen woanders: bei den Standortkosten und der Energie, die auch gesunde Firmen erdrücken; bei der Bürokratie, die Creditreform ausdrücklich als wachsenden Schließungsgrund nennt; und bei der Nachfolge, die produktive Substanz rettet, statt sie zu ersetzen.
Die Zahlen ergeben ein anderes Bild als die Schlagzeile, aber kein beruhigendes. Die Firmeninsolvenzen stehen real auf dem höchsten Stand seit 2005, treffen größere Betriebe und verharren dauerhaft weit über der Vorkrise, das ist ernst. Zugleich sind sie nur rund ein Achtel aller Schließungen, deren Gesamtzahl zu fast der Hälfte aus einer unscharfen Restkategorie besteht; der amtliche Saldo aus Gründungen und Aufgaben war 2025 weiterhin positiv; und der demografische Verlust durch fehlende Nachfolge trifft nur zum Teil wirklich gesunde Firmen. Die Pleitewelle ist also zugleich wahr und irreführend: wahr als Zahl und als reale Not, irreführend als Diagnose der ganzen Lage.
Die belastbaren Prüfgrößen sind deshalb nicht die Schlagzeilenzahl, sondern vier andere. Zwei davon lassen sich beziffern, bei den beiden übrigen fehlt der Wert ganz oder zum Teil, und das gehört genauso dazu. Erstens der Abstand zwischen Gründungen und Aufgaben (Destatis, größere Betriebe): 25.600 im Jahr 2022, 21.700 im Jahr 2024, 30.200 im Jahr 2025 und 19.800 im ersten Halbjahr 2026 gegenüber 15.800 im Vorjahreshalbjahr. Er schrumpfte bis 2024 und wächst seither. Was er nicht sagt: Über Größe und Ertrag der gegründeten und aufgegebenen Betriebe sagen die hier verwendeten amtlichen Zahlen nichts, der Substanzvergleich bleibt damit offen. Zweitens die Zusammensetzung der Schließungen, also ob die harte Insolvenz- oder die weiche Restkategorie wächst; 2025 waren es rund 13 Prozent Insolvenzen und je rund 43 Prozent Abmeldungen und unterstellte Inaktivität. Drittens die Qualität der Bereinigung, und hier fehlen beide Werte: die Sanierungsquote für 2026 ebenso wie eine Zerlegung der Reallokationsproduktivität für den laufenden Zyklus. Die jüngste deutsche Rechnung dieser Art betrifft das Jahr 2020 und fand keinen Cleansing-Effekt. Viertens die Nachfolgelücke: Die rund 26.000 Betriebe, deren kurzfristige Nachfolge voraussichtlich scheitert, sind beziffert, die Aufteilung der 243.000 Stilllegungspläne nach wirtschaftlicher Attraktivität nicht. An diesen Größen entscheidet sich, ob Deutschland eine Pleitewelle erlebt, eine gesunde Auslese oder einen stillen, demografischen Substanzverlust, und diese drei Fälle verlangen völlig verschiedene Antworten.
Die Fakten sind belegt (IWH-Insolvenztrend bis August 2026; Creditreform/ZEW, Mannheimer Unternehmenspanel, zu Schließungen 2025; KfW-Nachfolge-Monitoring 2025; Destatis-Gewerbemeldungen und Insolvenzstatistik): Firmeninsolvenzen auf dem höchsten Stand seit 2005 (Q2 2026: 4.996, über 2009), aber nur rund jede achte der ~188.000 Schließungen 2025 ist eine Insolvenz, und der amtliche Gründungssaldo blieb 2025 positiv. Vier Punkte:
Unterm Strich: Die Pleitewelle ist zugleich wahr und irreführend — wahr als Zahl (Hoch seit 2005, größere Betriebe, dauerhaft über Vorkrise) und als reale Not, irreführend als Gesamtdiagnose, weil sie die seltenste Austrittsform für das Ganze nimmt, eine weiche Restkategorie mitzählt, den positiven amtlichen Gründungssaldo ausblendet und den demografischen Verlust übersieht. Messbar am Abstand zwischen Gründungen und Aufgaben (2025: 30.200; 1. Halbjahr 2026: 19.800 nach 15.800), an der Zusammensetzung der Schließungen und an den rund 26.000 Kurzfristnachfolgen, die voraussichtlich scheitern. Offen bleiben vier Werte, die wir nicht schätzen: Sanierungsquote, Zombie-Anteil, Reallokationsproduktivität im laufenden Zyklus und der Substanzvergleich zwischen gegründeten und aufgegebenen Betrieben.
Modell: Firmendemografie (maßgeblich der Saldo Gründungen minus Aufgaben, nicht die absolute Pleitezahl; amtlich 2025: 130.100 zu 99.900 bei größeren Betrieben). Austrittsformen: erzwungen (Insolvenz), freiwillig-geordnet, demografisch; dazu eine weiche Rest-/Inaktivitätskategorie (~43 % der Schließungszählung). Schöpferische Zerstörung (Schumpeter) und Cleansing-Hypothese (Foster/Haltiwanger/Krizan: Austritt der Unproduktiven hebt Produktivität) vs. Scarring (Caballero/Hammour: Krisen reißen auch gesunde Firmen mit). Zombie-These (Ertrag < Zinslast; Niedrigzins/Hilfen als Lebensverlängerung, Zinswende als Auslöser) ist plausibel, aber nicht quantifiziert. Empirische Testgrößen statt Fallzahl: Persistenz über Vorkrise (2016–2019; März +71 %, August +63 %), Betriebsgröße/betroffene Jobs (+103 %), Sanierungsquote (kein belegter aktueller Wert, deshalb offen), Reallokationsproduktivität (für den laufenden Zyklus offen; jüngste deutsche Zerlegung Bundesbank für 2020: Reallokationseffekt dämpfte den Produktivitätsrückgang um knapp 1 Prozentpunkt, Abstand im Beschäftigungswachstum hoch- gegen wenig produktive Firmen fast 4 Prozentpunkte gegen 6,5 im Mittel 2011–2019, kein Cleansing-Effekt erkennbar), Abstand Gründungen minus Aufgaben im Zeitverlauf (2022: 25.600; 2024: 21.700; 2025: 30.200; 1. Halbjahr 2026: 19.800). Zahl ist nicht Substanz: Die Gewerbeanzeigenstatistik gliedert nach Zahl der tätigen Personen (nur in GENESIS 52311, hier nicht ausgewertet), erfasst aber weder Umsätze noch Produktivität, und Gründungseffekte auf die Arbeitsproduktivität treten laut Bundesbank erst ab dem dritten Jahr auf (0,1 bis 0,2 %). Nachfolgelücke = demografischer Substanzverlust, aber nur im Segment attraktiver Firmen ohne Käufer; am kurzen Ende belegt durch rund 26.000 voraussichtlich scheiternde Kurzfristnachfolgen, während die Aufteilung der 243.000 Stilllegungspläne nach Attraktivität nicht vorliegt. Vgl. Berichte Leitzins, Konjunktur, rekordgewinne-stellenabbau. Modell-Einordnung, keine Prognose.
Modell-Einordnung, keine Prognose — getrennt von den oben belegten Zahlen.
Alle Zahlen in diesem Bericht sind mit Primärquelle belegt (amtliche Angaben). Modell-Lesarten (ökonomische Einordnungen) sind als solche gekennzeichnet und von den Fakten getrennt.