PRÜFSTAND
Stand · Mo., 26. Oktober 2026
Wirtschaft · Strukturwandel · 2026

Die Firmenpleiten stehen auf dem höchsten Stand seit 2005, doch nur jede achte Betriebsschließung ist überhaupt eine Insolvenz. Gegründet wird weiterhin mehr als aufgegeben. Das Problem ist nicht der schrumpfende Bestand, sondern die Frage, wer die Betriebe übernimmt.

PRÜFSTAND-Bericht · primärquellen-belegt · Stand 15. September 2026, überarbeitet am 19. und 27. September 2026 · Insolvenzzahlen: IWH-Insolvenztrend (Halle), Personen- und Kapitalgesellschaften, bis August 2026 (Q2 2026). Schließungszahlen: Creditreform/ZEW (Mannheimer Unternehmenspanel) für das Jahr 2025. Gründungssaldo: Destatis-Gewerbemeldungen, Jahre 2022 bis 2025 und 1. Halbjahr 2026. Dazu Destatis-Insolvenzstatistik, KfW-Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025 und die Wachstumszerlegung der Bundesbank (Monatsbericht September 2022) zur Reallokation. Belegte Zahlen und ökonomische Einordnung sind im Text getrennt. Vier Größen sind ausdrücklich als offen gekennzeichnet, weil für sie kein belegter aktueller Wert vorliegt: Sanierungsquote, Zombie-Anteil, Reallokationsproduktivität im laufenden Zyklus und der Substanzvergleich zwischen gegründeten und aufgegebenen Betrieben.

Die Schlagzeile ist zur Dauerschleife geworden: Pleitewelle, Rekordinsolvenzen, mehr als in der Finanzkrise. Und der harte Kern stimmt: Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle zählt für das zweite Quartal 2026 knapp 5.000 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften, den höchsten Stand seit 2005. Nur ergibt die Zahl allein ein schiefes Bild. Eine Insolvenz ist nur eine von mehreren Arten, wie ein Unternehmen vom Markt verschwindet, und die seltenste: Von den rund 188.000 Firmen, die 2025 geschlossen wurden, ging nur etwa jede achte durch ein Insolvenzverfahren. Der weit größere Teil verschwindet leise, oft bei guter Bonität. Gegenzurechnen ist ohnehin die andere Seite, und sie fehlt in der Debatte fast vollständig: Nach den amtlichen Gewerbemeldungen wurden 2025 mehr Betriebe gegründet als aufgegeben, wie in jedem Jahr seit 2003. Der Bestand schrumpft also nicht. Was bleibt, ist ein Vorgang, der keine Schlagzeile macht, weil er langsam kommt: Den Betrieben gehen die Nachfolger aus. Vier Dinge lohnt es deshalb zu trennen: was die Pleitezahl wirklich sagt, was der Bestand dazu sagt, warum die Pleiten trotzdem steigen, und wer die Last am Ende trägt.

GrößeWertAnmerkung
Insolvenzen Q2 2026 (IWH)4.996höchster Stand seit 2005 (damals 5.295); über 2009
August 20261.525−10 % zum Juli, aber +63 % über dem Vorkrisenschnitt 2016–2019
Betroffene Arbeitsplätzeüber 16.000August, größte 10 % der Fälle: +103 % über Vorkrise bei Fällen +63 %
Gründungen zu Aufgaben 2025130.100 zu 99.900größere Betriebe (Destatis); Gründungen über Aufgaben wie in jedem Jahr seit 2003
Firmenschließungen 2025~188.000Creditreform/ZEW; +10 % zum Vorjahr
— davon Insolvenzen~13 %jede achte
— Abmeldungen / Geschäftsaufgaben~43 %ohne Insolvenzverfahren
— „nicht mehr wirtschaftsaktiv"~43 %unterstellte Inaktivität, weichste Kategorie
Schließungsquote5 bis 7,8 %je Land; Bremen Spitze, Baden-Württemberg/Hamburg je 5,3 %
Inhaber 65+ bei freiwilligen Schließungen29 %2002: 14 % (Creditreform/ZEW)
KMU mit Stilllegungsplänen bis Ende 2026~243.000konditional (KfW): wenn alle Pläne umgesetzt werden
Kurzfristige Nachfolgewünsche bis Ende 2026~186.000KfW; davon 64 % ausgehandelt oder in Verhandlung, rund 26.000 dürften scheitern
Abstand Gründungen minus Aufgaben2022: 25.600; 2023: 21.900; 2024: 21.700; 2025: 30.200größere Betriebe, eigene Differenz aus den Destatis-Jahreswerten
1. Halbjahr 202669.600 zu 49.800Abstand 19.800 nach 15.800 im Vorjahreshalbjahr (Gründungen +3,0 %, Aufgaben −3,8 %)
PrüfgrößeAbstand, Zusammensetzung, Reallokation, Nachfolgezwei beziffert; offen bleiben Sanierungsquote, Reallokation im laufenden Zyklus, Substanzvergleich
Unternehmensaustritte in Deutschland. Quellen: IWH-Insolvenztrend (Personen-/Kapitalgesellschaften, bis August 2026); Creditreform/ZEW, Mannheimer Unternehmenspanel (Schließungen 2025); KfW-Nachfolge-Monitoring 2025; Destatis-Gewerbemeldungen für die Jahre 2022 bis 2025 und das 1. Halbjahr 2026, wobei der Abstand jeweils eigene Differenz aus den amtlichen Werten ist. Insolvenz ist nur eine von mehreren Austrittsformen; die Schließungszahl enthält eine große, unscharfe Kategorie.
01

Die Fakten: Rekord ja, aber wovon

Zunächst das, was stimmt. Der IWH-Insolvenztrend, der die Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften monatlich erfasst, zählt im zweiten Quartal 2026 rund 4.996 Fälle, den höchsten Stand seit 2005 (damals 5.295); auch der Finanzkrisenwert von 2009 ist übertroffen. Im August 2026 waren es 1.525 Fälle, zehn Prozent weniger als im Juli, aber neun Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Befund „so viele Firmenpleiten wie seit rund zwei Jahrzehnten nicht" ist also korrekt und nicht zu verharmlosen.

Bemerkenswert ist die zweite Zahl, und sie relativiert die verbreitete Beruhigung, es treffe ja nur wenige. In den größten zehn Prozent der insolventen Unternehmen waren im August über 16.000 Arbeitsplätze betroffen, mehr als doppelt so viele wie in einem durchschnittlichen August der Vorkrisenjahre 2016 bis 2019 (plus 103 Prozent), während die Fallzahl im selben Vergleich „nur" 63 Prozent darüber liegt. Gemessen an der Vorkrise fallen also im Schnitt größere Betriebe aus. Auf 2005 lässt sich das nicht ausdehnen: Für den damaligen Rekord liegen keine vergleichbaren Beschäftigtenzahlen vor, der Größenbefund gilt gegenüber 2016 bis 2019. Wer die Pleiten kleinredet, weil ihre Zahl hinter alten Rekorden zurückbleibt, übersieht dieses Gewicht trotzdem.

Und doch misst all das nur einen Ausschnitt. Eine Insolvenz ist die erzwungene Form des Marktaustritts, das gerichtliche Verfahren bei Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung. Daneben gibt es die geordnete Abmeldung und Geschäftsaufgabe ohne Verfahren. Nach der Auswertung von Creditreform und dem ZEW aus dem Mannheimer Unternehmenspanel wurden 2025 rund 188.000 Unternehmen geschlossen, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Davon war nur etwa jede achte, rund 13 Prozent, eine Insolvenz. Rund 43 Prozent waren Handelsregisterabmeldungen oder recherchierte Geschäftsaufgaben ohne Verfahren. Die restlichen rund 43 Prozent sind Unternehmen, die die Auswertung als „nicht mehr wirtschaftsaktiv" einstuft, also unterstellte Inaktivität statt beobachteter Austritt. Diese weichste Kategorie trägt fast die Hälfte der Gesamtzahl; man sollte die 188.000 deshalb als Obergrenze lesen, nicht als exakten Zähler.

02

Der Mechanismus: Wie ein Unternehmen verschwindet

Marktaustritte sind für sich genommen nichts Schlimmes, sondern der normale Puls einer Marktwirtschaft. Jedes Jahr entstehen Unternehmen und andere vergehen; erst der Saldo aus Gründungen und Schließungen sagt, ob der Bestand wächst oder schrumpft. Die reine Schließungszahl misst nur die eine Seite. Wie hoch die Austrittsquote ist, weist Creditreform selbst aus: Sie reicht 2025 je nach Bundesland von rund fünf Prozent (Baden-Württemberg und Hamburg je 5,3) bis 7,8 Prozent in Bremen, also ein einstelliger Anteil des Bestands. Ob daraus ein Schrumpfen wird, entscheidet der Vergleich mit den Gründungen, den die Gewerbemeldungen des Statistischen Bundesamtes liefern. Diese Bezugsgröße fehlt in der Schlagzeile, dabei liegt sie längst vor.

Und sie zeigt für 2025 ein anderes Vorzeichen. Das Statistische Bundesamt zählt rund 762.400 Gewerbeanmeldungen, 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr, gegen rund 612.900 Abmeldungen, ein Prozent weniger. Enger gefasst, bei den größeren Betrieben, deren Anmeldung auf eine nennenswerte wirtschaftliche Bedeutung schließen lässt, stehen 130.100 Betriebsgründungen (plus 7,6 Prozent) gegen 99.900 Betriebsaufgaben (plus 0,8 Prozent). Die Gründungen liegen damit über den Aufgaben, wie in jedem Jahr seit Beginn der Zeitreihe 2003. Die beiden Statistiken zählen allerdings nicht dasselbe: Die Gewerbemeldungen erfassen jede An- und Abmeldung bis hinunter zum Kleinst- und Nebenerwerbsgewerbe, das Mannheimer Unternehmenspanel dagegen wirtschaftlich aktive Unternehmen. Die 188.000 lassen sich deshalb nicht von den 612.900 abziehen. Aber innerhalb der amtlichen Reihe, und nur dort ist der Saldo sauber gebildet, schrumpft der Bestand 2025 nicht. Wer allein aus der Schließungszahl auf einen schrumpfenden Unternehmensbestand schließt, überspringt diesen Befund.

Ein positives Vorzeichen allein sagt allerdings wenig, deshalb gehört die nächste Frage dazu: Wächst der Abstand zwischen Gründungen und Aufgaben oder schrumpft er? Er schrumpfte bis 2024 und wächst seither. Bei den größeren Betrieben lag er 2022 bei 25.600 (115.100 Gründungen gegen 89.500 Aufgaben), 2023 bei 21.900 (118.500 zu 96.600), 2024 bei 21.700 (120.900 zu 99.200) und 2025 bei 30.200 (130.100 zu 99.900). Die Jahreswerte sind amtlich, die Differenzen daraus unsere eigene Rechnung. Im ersten Halbjahr 2026 stehen 69.600 Gründungen gegen 49.800 Aufgaben, ein Abstand von 19.800 nach 15.800 im Vorjahreshalbjahr, und diesmal nicht nur wegen steigender Gründungen (plus 3,0 Prozent), sondern auch wegen sinkender Aufgaben (minus 3,8 Prozent). Wer erwartet, dass die Rekordinsolvenzen den Bestand aufzehren, findet dafür in der amtlichen Reihe bis Mitte 2026 keine Bestätigung.

Was dieser Abstand nicht leistet, gehört unmittelbar daneben, sonst trägt man ihn zu weit. Die Gewerbeanzeigenstatistik zählt Meldungen. Als Gründung eines Betriebs „mit größerer wirtschaftlicher Bedeutung" gilt die Anmeldung durch eine juristische Person oder eine Personengesellschaft, bei einer natürlichen Person nur dann, wenn sie im Handelsregister eingetragen ist, eine Handwerkskarte besitzt oder mindestens einen Arbeitnehmer beschäftigt; für die Aufgabe gilt sinngemäß dasselbe, dort ohne die Handwerkskarte. Das ist eine formale Schwelle, keine gemessene Größe. Die Statistik gliedert ihre Meldungen zwar auch nach der Zahl der tätigen Personen, aber diese Aufteilung steht nicht in den amtlichen Pressezahlen, sondern in der Datenbank GENESIS, und wir haben sie nicht ausgewertet. Umsätze, Produktivität, Kundenbeziehungen oder Erfahrungswissen erfasst sie ohnehin nicht. Ob die 130.100 Gründungen des Jahres 2025 dieselbe Substanz tragen wie die 99.900 Aufgaben, ist mit den veröffentlichten Zahlen deshalb nicht zu beantworten, und wir behaupten es in keine der beiden Richtungen. Dass Zahl und Substanz auseinanderfallen können, zeigt eine Schätzung der Bundesbank: Ein Anstieg der Betriebsgründungen wirkt auf die Arbeitsproduktivität erst ab dem dritten Jahr, und dann in einer Spanne von 0,1 bis 0,2 Prozent.

Die Austritte selbst haben verschiedene Gestalten, und die Statistik bildet sie nur grob ab. Die erste ist die Insolvenz, der erzwungene Ausfall eines Geschäftsmodells, das die Kosten nicht mehr deckt. Die zweite ist die freiwillige, geordnete Aufgabe: Der Inhaber schließt, solange die Bilanz stimmt, zahlt die Gläubiger und meldet ab; diese Fälle tauchen in keiner Insolvenzstatistik auf. Quer zu beiden liegt der demografische Grund: Fast ein Drittel der freiwilligen Schließungen erfolgt inzwischen aus Altersgründen, und der Anteil der Inhaber ab 65 Jahren bei diesen Schließungen ist von 14 Prozent im Jahr 2002 auf 29 Prozent gestiegen. Die große Restkategorie der bloß „nicht mehr aktiven" Firmen lässt sich dagegen keinem dieser Wege sauber zuordnen; sie ist der statistische Nebel, in dem sich Aufgabe, Ruhendstellung und schlichte Meldelücke mischen.

Diese Unschärfe ist wichtig, weil sie die Debatte diszipliniert. Eine steigende Insolvenzzahl kann ein Zeichen von Bereinigung sein oder von realer Not. Eine steigende Zahl geordneter und altersbedingter Schließungen wäre bei schwacher Gründung etwas Drittes, ein leiser Substanzverlust; die Gründungsseite ist 2025 allerdings nicht schwach, was diesen Verdacht dämpft, aber nicht ausräumt, weil Zahl und Substanz zweierlei sind. Und ein wachsender Block unscharf „inaktiver" Firmen ist vor allem eines: ein Grund, die Gesamtzahl nicht zu überinterpretieren. Wer alle drei in einen Topf „Pleitewelle" wirft, macht aus verschiedenen Vorgängen eine einzige, falsche Geschichte.

03

Das Modell: Bereinigung oder Vernarbung?

Warum steigen die Insolvenzen gerade jetzt? Eine verbreitete Erklärung ist der Nachhol- und Bereinigungseffekt. Während der Pandemie stützte der Staat die Wirtschaft mit dreistelligen Milliardenbeträgen und setzte zeitweise die Insolvenzantragspflicht aus; jahrelange Nullzinsen hielten die Finanzierungskosten künstlich niedrig. Das hielt auch Unternehmen am Leben, deren Ertrag die Zinslast nicht deckte, die sogenannten Zombie-Unternehmen. Mit dem Auslaufen der Hilfen und der Zinswende fällt diese Stütze weg, und der aufgestaute Austritt holt sich nach. Ökonomisch ist das die schöpferische Zerstörung nach Schumpeter: Der Austritt unproduktiver Firmen setzt Arbeitskräfte und Kapital für produktivere frei, gerade bei Fachkräftemangel ein Gewinn. In dieser Lesart wäre ein Teil des Anstiegs sogar gesund. Wie groß der Zombie-Anteil aber wirklich war, ist nicht belegt; die These bleibt eine Hypothese, keine gemessene Größe.

Gegen die reine Bereinigungsdeutung sprechen die Daten selbst. Ein bloßer Nachholeffekt müsste zum Vorkrisenniveau zurückkehren; die Insolvenzen aber verharren Monat für Monat 60 bis über 70 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019: im März 71 Prozent, im August 63 Prozent. Das ist keine Normalisierung, das ist ein neues, höheres Plateau, das auf reale Lasten deutet: schwache Konjunktur, hohe Energie- und Finanzierungskosten. Hohe Realzinsen und ein Energieschock treffen eben nicht nur Zombies, sondern auch im Kern gesunde Betriebe, die unter normalen Bedingungen überlebt hätten. Dann bereinigt der Markt nicht, er vernarbt, er vernichtet lebensfähige Kapazität. Die Ökonomie kennt beide Fälle: Foster, Haltiwanger und Krizan zeigen, dass Rezessionen die Produktivität steigern können, wenn die Schwachen ausscheiden (cleansing); Caballero und Hammour halten dagegen, dass Krisen auch gesunde Firmen mitreißen (scarring).

Welcher Fall vorliegt, entscheidet nicht die Fallzahl, sondern die Qualität der Bereinigung. Die saubere Messgröße dafür wäre die Sanierungsquote: Wie oft wird ein insolventes Unternehmen fortgeführt oder saniert, wie oft zerschlagen? Diese Größe liegt für 2026 nicht in belegter Form vor; wir behaupten sie deshalb nicht. Was sich belegen lässt, deutet aber nicht auf eine ablaufende Bereinigung: Das Niveau bleibt dauerhaft weit über der Vorkrise, die betroffenen Betriebe sind größer, und die Höchstwerte im März verteilten sich mit Bau, Einzelhandel und unternehmensnahen Dienstleistungen über sehr verschiedene Branchen, bei regionalen Rekordwerten in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Eine Bereinigung, die auf einzelne kranke Ecken der Wirtschaft zielt, sähe anders aus. Die ehrliche Antwort lautet deshalb: Ein Teil des Anstiegs ist wohl Bereinigung, aber die Behauptung, es sei überwiegend gesund, trägt die Datenlage nicht.

Neben der Sanierungsquote gibt es eine zweite Messgröße, und für die existiert wenigstens eine deutsche Rechnung, allerdings für die Pandemie und nicht für heute. Die Bundesbank hat das Produktivitätswachstum des Jahres 2020 zerlegt. Der unternehmensspezifische Effekt, also die Effizienz im Durchschnitt der Betriebe, lag bei minus 4,7 Prozentpunkten, vor allem wegen der Kurzarbeit. Die Verschiebung von Beschäftigung zwischen Unternehmen wirkte dem entgegen, dämpfte den Rückgang aber nur um knapp einen Prozentpunkt; die Arbeitsproduktivität sank trotzdem um fast vier Prozent. Aussagekräftiger ist der Zeitvergleich: Der Abstand im Beschäftigungswachstum zwischen hoch- und wenig produktiven Unternehmen betrug 2020 wie schon in der Finanzkrise fast vier Prozentpunkte, in den ruhigen Jahren 2011 bis 2019 dagegen im Mittel 6,5. In der Krise wanderte Beschäftigung also nicht stärker zu den produktiven Firmen als sonst, sondern schwächer; einen Cleansing-Effekt konnte die Bundesbank daraus nicht erkennen und vermutet die staatlichen Hilfen als einen Grund. Die Rechnung stützt sich auf gut 2.000 befragte Unternehmen und ist entsprechend unsicher. Für den Insolvenzzyklus 2024 bis 2026 liegt uns keine vergleichbare Zerlegung vor. Die Reallokationsproduktivität bleibt damit eine offene Prüfgröße und kein Befund, so wie die Sanierungsquote.

04

Der leise Verlust: Es fehlen die Nachfolger

Der Vorgang mit der längsten Wirkung steht in keiner Pleitestatistik, und der eben besprochene Abstand zwischen Gründungen und Aufgaben bildet ihn aus demselben Grund nur unvollständig ab. Ob die neu angemeldeten Betriebe die Kundenbeziehungen, die eingearbeiteten Belegschaften und das Erfahrungswissen der abgegebenen ersetzen, sagt eine Saldenzahl nicht. Nach dem Nachfolge-Monitoring der KfW waren 2025 57 Prozent der mittelständischen Unternehmerschaft 55 Jahre oder älter, gut zwei Millionen Menschen und drei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr; vor zwanzig Jahren lag dieser Anteil bei 20 Prozent. Diese Generation tritt ab, und es rückt zu wenig nach. Jedes vierte mittelständische Unternehmen will nach dem Ausscheiden der Senior-Generation gar nicht erst fortgeführt werden. Daraus stammt die oft zitierte Zahl von rund 243.000 kleinen und mittleren Unternehmen, die bis Ende 2026 ohne Nachfolge aus dem Markt gingen, allerdings nur, wenn alle diese Inhaber ihre Pläne auch umsetzen; es ist eine bedingte Projektion, kein Ist-Wert. Über den längeren Horizont bis Ende 2029 stehen 569.000 Unternehmen ohne geplante Fortführung, rund 114.000 im Jahr, gegen 545.000 mit Nachfolgewunsch, rund 109.000 im Jahr. Dieser erstmalige Überhang der Stilllegungs- über die Nachfolgeabsichten ist real, aber schmal und aus einer Befragung geschätzt.

Vor allem aber darf man diesen Block nicht pauschal zum Verlust erklären. Die KfW selbst trennt zwei Gruppen: attraktive, ertragsstarke Firmen, die schlicht keinen Käufer finden, und wirtschaftlich unattraktive Kleinstbetriebe, die die Masse der Stilllegungspläne stellen. Nur bei der ersten Gruppe verschwindet wirklich funktionierende Substanz, mit eingearbeiteten Beschäftigten, Kundenbeziehungen und Wissen; bei der zweiten ist die Schließung ökonomisch wenig dramatisch. Der ehrliche Satz lautet also nicht „hier verschwinden gesunde Unternehmen", sondern: In einem Teil dieser Fälle geht produktive Substanz verloren, die niemand weiterführt, und dieser Teil wächst mit der Demografie. Anders als der konjunkturelle Insolvenzzyklus, der mit der nächsten Zinssenkung dreht, ist diese Ursache hartnäckig: Die geburtenstarken Unternehmerjahrgänge gehen, und die Zahl derer, die übernehmen wollen, hält nicht Schritt: Erstmals stehen den Nachfolgeabsichten etwas mehr Stilllegungsabsichten gegenüber.

Wie groß der Teil mit echtem Substanzverlust ist, lässt sich am kurzen Ende beziffern, und zwar von der anderen Seite her. Neben den 243.000 Stilllegungsplänen bis Ende 2026 stehen rund 186.000 Inhaber, die bis dahin abgeben und dabei eine Nachfolge anstreben, etwa fünf Prozent aller mittelständischen Unternehmen. Von diesen kurzfristigen Nachfolgen waren zum Erhebungszeitpunkt im Frühjahr 2025 rund 119.000 entweder final ausgehandelt (30 Prozent) oder in konkreten Verhandlungen (34 Prozent). Weitere 21 Prozent suchten noch, und rund 26.000 Unternehmen, also 14 Prozent, müssen nach Einschätzung der KfW mit dem Scheitern ihrer Pläne rechnen, weil sie in den Prozess noch gar nicht eingestiegen sind oder bislang nur Informationen gesammelt haben. Diese 26.000 sind die belegte Näherung an die Gruppe, um die es ökonomisch geht: Betriebe, die fortgeführt werden sollen und für die sich niemand findet. Dazu passt, dass nachfolgeplanende Unternehmen nach den Auswertungen der KfW in der Regel durch gute Ertragskraft, Eigenkapitalstärke und finanzielle Robustheit gekennzeichnet sind. Kurzfristige Nachfolgewünsche sind gegenüber der Vorjahresbefragung übrigens um 29.000 zurückgegangen.

Wie sich umgekehrt die 243.000 Stilllegungspläne nach wirtschaftlicher Attraktivität aufteilen, weist das Nachfolge-Monitoring nicht aus. Diese Zahl fehlt, und wir schätzen sie nicht. Die KfW hält lediglich fest, dass sich viele Inhaber bewusst für die Aufgabe entscheiden, obwohl das Geschäftsmodell und der erzielbare Kaufpreis die Suche nach einem Nachfolger durchaus rechtfertigen würden. Bei den Gründen führt das Rentenalter mit 52 Prozent der Unternehmen mit Stilllegungsplänen, 47 Prozent nennen fehlendes Interesse in der Familie und 42 Prozent den bürokratischen Aufwand, der im Jahresvergleich am stärksten an Bedeutung gewonnen hat. Das erklärt, warum abgegeben wird, nicht, wie viel Substanz dabei verloren geht.

05

Wer die Last trägt

Ein Marktaustritt ist kein abstrakter Vorgang, und die Last verteilt sich ungleich. Auf der Beschäftigtenseite standen allein im August über 16.000 Arbeitsplätze in den größten zehn Prozent der Fälle, ein Drittel mehr als im Vorjahresmonat. Auf der Gläubigerseite bezifferten die Amtsgerichte die Forderungen aus den Unternehmensinsolvenzen des Jahres 2024 auf rund 58,1 Milliarden Euro; diese Summe trifft Lieferanten, Banken und Sozialkassen, also Dritte, die den Ausfall nicht verursacht haben. Nach Branchen trifft es 2025 vor allem das Gastgewerbe mit rund 15.000 Schließungen (plus 15 Prozent) und die Arztpraxen mit rund 5.500 (plus 23 Prozent), wobei der zweite Fall die Versorgung berührt und nicht nur den Markt. Regional reicht die Schließungsquote von 5,3 Prozent in Baden-Württemberg und Hamburg bis 7,8 Prozent in Bremen, und die Insolvenzrekorde im März lagen ausgerechnet in den großen Industrieländern Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

Man kann die Entwarnung also überziehen, und deshalb gehört die harte Seite klar benannt: Das Niveau liegt dauerhaft weit über der Vorkrise, die betroffenen Betriebe werden größer, und der Vergleich „mehr als in der Finanzkrise" stimmt für das IWH-Maß, auch wenn er einordnungsbedürftig bleibt, weil er absolute Fälle gegen eine gewachsene Wirtschaft stellt und nur einen Teil des Austrittsgeschehens erfasst. Die faire Bilanz ist deshalb doppelt: Ja, die Pleiten sind auf einem Zwanzigjahreshoch, und ein erheblicher Teil davon ist reale Not, keine gesunde Auslese. Aber die Erzählung von der einen großen Pleitewelle führt trotzdem in die Irre, weil sie die seltenste Austrittsform für das Ganze nimmt, die weiche Restkategorie mitzählt und den demografischen Verlust übersieht. Wer das Problem an der Insolvenzzahl festmacht, greift die falschen Instrumente, etwa neue Stützungsprogramme, die die nächste Zombie-Generation schaffen. Die wirksamen Hebel liegen woanders: bei den Standortkosten und der Energie, die auch gesunde Firmen erdrücken; bei der Bürokratie, die Creditreform ausdrücklich als wachsenden Schließungsgrund nennt; und bei der Nachfolge, die produktive Substanz rettet, statt sie zu ersetzen.

06

Der Kern und die Prüfgröße

Die Zahlen ergeben ein anderes Bild als die Schlagzeile, aber kein beruhigendes. Die Firmeninsolvenzen stehen real auf dem höchsten Stand seit 2005, treffen größere Betriebe und verharren dauerhaft weit über der Vorkrise, das ist ernst. Zugleich sind sie nur rund ein Achtel aller Schließungen, deren Gesamtzahl zu fast der Hälfte aus einer unscharfen Restkategorie besteht; der amtliche Saldo aus Gründungen und Aufgaben war 2025 weiterhin positiv; und der demografische Verlust durch fehlende Nachfolge trifft nur zum Teil wirklich gesunde Firmen. Die Pleitewelle ist also zugleich wahr und irreführend: wahr als Zahl und als reale Not, irreführend als Diagnose der ganzen Lage.

Die belastbaren Prüfgrößen sind deshalb nicht die Schlagzeilenzahl, sondern vier andere. Zwei davon lassen sich beziffern, bei den beiden übrigen fehlt der Wert ganz oder zum Teil, und das gehört genauso dazu. Erstens der Abstand zwischen Gründungen und Aufgaben (Destatis, größere Betriebe): 25.600 im Jahr 2022, 21.700 im Jahr 2024, 30.200 im Jahr 2025 und 19.800 im ersten Halbjahr 2026 gegenüber 15.800 im Vorjahreshalbjahr. Er schrumpfte bis 2024 und wächst seither. Was er nicht sagt: Über Größe und Ertrag der gegründeten und aufgegebenen Betriebe sagen die hier verwendeten amtlichen Zahlen nichts, der Substanzvergleich bleibt damit offen. Zweitens die Zusammensetzung der Schließungen, also ob die harte Insolvenz- oder die weiche Restkategorie wächst; 2025 waren es rund 13 Prozent Insolvenzen und je rund 43 Prozent Abmeldungen und unterstellte Inaktivität. Drittens die Qualität der Bereinigung, und hier fehlen beide Werte: die Sanierungsquote für 2026 ebenso wie eine Zerlegung der Reallokationsproduktivität für den laufenden Zyklus. Die jüngste deutsche Rechnung dieser Art betrifft das Jahr 2020 und fand keinen Cleansing-Effekt. Viertens die Nachfolgelücke: Die rund 26.000 Betriebe, deren kurzfristige Nachfolge voraussichtlich scheitert, sind beziffert, die Aufteilung der 243.000 Stilllegungspläne nach wirtschaftlicher Attraktivität nicht. An diesen Größen entscheidet sich, ob Deutschland eine Pleitewelle erlebt, eine gesunde Auslese oder einen stillen, demografischen Substanzverlust, und diese drei Fälle verlangen völlig verschiedene Antworten.

Einordnung · Prüfstand

Die Fakten sind belegt (IWH-Insolvenztrend bis August 2026; Creditreform/ZEW, Mannheimer Unternehmenspanel, zu Schließungen 2025; KfW-Nachfolge-Monitoring 2025; Destatis-Gewerbemeldungen und Insolvenzstatistik): Firmeninsolvenzen auf dem höchsten Stand seit 2005 (Q2 2026: 4.996, über 2009), aber nur rund jede achte der ~188.000 Schließungen 2025 ist eine Insolvenz, und der amtliche Gründungssaldo blieb 2025 positiv. Vier Punkte:

  • Rekord ja, aber Ausschnitt und schwerer, als die Fallzahl sagt: Die Insolvenz ist die seltenste Austrittsform (~13 %). ~43 % sind Abmeldungen/Geschäftsaufgaben ohne Verfahren, ~43 % nur „nicht mehr wirtschaftsaktiv" (unterstellt, weichste Kategorie) — die 188.000 sind eine Obergrenze. Zugleich treffen die Pleiten größere Firmen: über 16.000 betroffene Jobs im August, +103 % über Vorkrise bei Fällen +63 %. Austrittsquote 5–7,8 % je Land (Bremen Spitze). Entscheidend ist der Saldo mit den Gründungen, und der ist amtlich positiv: 2025 stehen 130.100 Betriebsgründungen gegen 99.900 Betriebsaufgaben (Destatis, größere Betriebe), Gründungen über Aufgaben wie in jedem Jahr seit 2003. Andere Grundgesamtheit als die 188.000, deshalb nicht verrechenbar. Der Abstand selbst schrumpfte von 25.600 (2022) über 21.900 (2023) auf 21.700 (2024) und weitete sich 2025 auf 30.200; im 1. Halbjahr 2026 stehen 69.600 zu 49.800, Abstand 19.800 nach 15.800 im Vorjahreshalbjahr, erstmals auch wegen sinkender Aufgaben (−3,8 %). Differenzen sind eigene Rechnung aus amtlichen Jahreswerten. Der Substanzvergleich bleibt offen: Die Gewerbeanzeigenstatistik gliedert zwar nach Zahl der tätigen Personen (GENESIS 52311; in den Pressezahlen nicht enthalten, von uns nicht ausgewertet), erfasst aber keine Umsätze, Erträge oder Produktivität.
  • Warum die Pleiten steigen: teils Nachhol-/Bereinigungseffekt nach den „Zombie-Jahren" (Corona-Hilfen, ausgesetzte Antragspflicht, Nullzins; Zinswende als Auslöser) — Schumpeter, cleansing. Aber der Zombie-Anteil ist nicht quantifiziert (Hypothese), und die Daten sprechen gegen eine rein gesunde Lesart: Das Niveau verharrt 60–70 % über Vorkrise (März +71 %, August +63 %; kein Nachholeffekt-Rückgang), die Betriebe werden größer, und die Höchstwerte verteilen sich breit über Branchen und Industrieländer → eher Vernarbung (scarring; Caballero/Hammour) als reine Auslese (Foster/Haltiwanger/Krizan). Die saubere Testgröße wäre die Sanierungsquote; dafür liegt kein belegter aktueller Wert vor, sie wird hier nicht behauptet. Zur zweiten Testgröße, der Reallokationsproduktivität, gibt es nur eine ältere deutsche Zerlegung (Bundesbank, Jahr 2020): unternehmensspezifischer Effekt −4,7 Prozentpunkte, Reallokation dämpfte den Produktivitätsrückgang um knapp 1 Prozentpunkt, Arbeitsproduktivität dennoch −fast 4 %; der Abstand im Beschäftigungswachstum zwischen hoch- und wenig produktiven Firmen lag 2020 wie in der Finanzkrise bei fast 4 Prozentpunkten gegen 6,5 im Mittel 2011–2019 — ein Cleansing-Effekt war daraus nicht erkennbar. Für den Zyklus 2024–2026 liegt keine solche Rechnung vor; die Größe bleibt offen.
  • Der leise Verlust: Nachfolgelücke. 57 % der Inhaber 55+ (gut 2 Mio, vor 20 Jahren 20 %); ~243.000 KMU mit Stilllegungsplänen bis Ende 2026 (konditional, kein Ist-Wert); bis Ende 2029 569.000 ohne Fortführung (~114.000/Jahr) gegen 545.000 mit Nachfolgewunsch (~109.000/Jahr), erstmals kleiner Überhang. Wichtig: KfW trennt attraktive Firmen ohne Käufer (echter Substanzverlust) von unattraktiven Kleinstbetrieben (Masse der Pläne, ökonomisch wenig dramatisch). Inhaber 65+ bei freiwilligen Schließungen: 14 % (2002) → 29 % (2025). Gegenrechnung am kurzen Ende: ~186.000 Inhaber wollen bis Ende 2026 abgeben und eine Nachfolge finden (~5 % aller KMU, −29.000 ggü. Vorjahr); davon ~119.000 final ausgehandelt (30 %) oder in Verhandlung (34 %), 21 % noch auf der Suche, ~26.000 (14 %) müssen mit dem Scheitern rechnen — diese 26.000 sind die belegte Näherung an den echten Substanzverlust, passend dazu die KfW-Angabe, dass Nachfolgeplaner in der Regel gute Ertragskraft und Eigenkapitalstärke aufweisen. Die Aufteilung der 243.000 Stilllegungspläne nach wirtschaftlicher Attraktivität weist die KfW nicht aus (offene Größe, hier nicht geschätzt). Genannte Stilllegungsgründe: Rentenalter 52 %, fehlendes Familieninteresse 47 %, Bürokratie 42 % (stärkster Zuwachs im Jahresvergleich).
  • Ehrliche Gegenprobe: Das Niveau ist real hoch und teils reale Not (Konjunktur, Energie, Finanzierung), nicht nur Bereinigung. „Mehr als Finanzkrise" stimmt fürs IWH-Maß, ist aber einordnungsbedürftig. Falsche Antwort wären neue Stützungsprogramme (neue Zombies); richtige Hebel: Standort- und Energiekosten, Bürokratie (von Creditreform als wachsender Schließungsgrund genannt) und Nachfolge.

Unterm Strich: Die Pleitewelle ist zugleich wahr und irreführend — wahr als Zahl (Hoch seit 2005, größere Betriebe, dauerhaft über Vorkrise) und als reale Not, irreführend als Gesamtdiagnose, weil sie die seltenste Austrittsform für das Ganze nimmt, eine weiche Restkategorie mitzählt, den positiven amtlichen Gründungssaldo ausblendet und den demografischen Verlust übersieht. Messbar am Abstand zwischen Gründungen und Aufgaben (2025: 30.200; 1. Halbjahr 2026: 19.800 nach 15.800), an der Zusammensetzung der Schließungen und an den rund 26.000 Kurzfristnachfolgen, die voraussichtlich scheitern. Offen bleiben vier Werte, die wir nicht schätzen: Sanierungsquote, Zombie-Anteil, Reallokationsproduktivität im laufenden Zyklus und der Substanzvergleich zwischen gegründeten und aufgegebenen Betrieben.

Modell · Was-wäre-wenn

Ökonomische Einordnung

Modell: Firmendemografie (maßgeblich der Saldo Gründungen minus Aufgaben, nicht die absolute Pleitezahl; amtlich 2025: 130.100 zu 99.900 bei größeren Betrieben). Austrittsformen: erzwungen (Insolvenz), freiwillig-geordnet, demografisch; dazu eine weiche Rest-/Inaktivitätskategorie (~43 % der Schließungszählung). Schöpferische Zerstörung (Schumpeter) und Cleansing-Hypothese (Foster/Haltiwanger/Krizan: Austritt der Unproduktiven hebt Produktivität) vs. Scarring (Caballero/Hammour: Krisen reißen auch gesunde Firmen mit). Zombie-These (Ertrag < Zinslast; Niedrigzins/Hilfen als Lebensverlängerung, Zinswende als Auslöser) ist plausibel, aber nicht quantifiziert. Empirische Testgrößen statt Fallzahl: Persistenz über Vorkrise (2016–2019; März +71 %, August +63 %), Betriebsgröße/betroffene Jobs (+103 %), Sanierungsquote (kein belegter aktueller Wert, deshalb offen), Reallokationsproduktivität (für den laufenden Zyklus offen; jüngste deutsche Zerlegung Bundesbank für 2020: Reallokationseffekt dämpfte den Produktivitätsrückgang um knapp 1 Prozentpunkt, Abstand im Beschäftigungswachstum hoch- gegen wenig produktive Firmen fast 4 Prozentpunkte gegen 6,5 im Mittel 2011–2019, kein Cleansing-Effekt erkennbar), Abstand Gründungen minus Aufgaben im Zeitverlauf (2022: 25.600; 2024: 21.700; 2025: 30.200; 1. Halbjahr 2026: 19.800). Zahl ist nicht Substanz: Die Gewerbeanzeigenstatistik gliedert nach Zahl der tätigen Personen (nur in GENESIS 52311, hier nicht ausgewertet), erfasst aber weder Umsätze noch Produktivität, und Gründungseffekte auf die Arbeitsproduktivität treten laut Bundesbank erst ab dem dritten Jahr auf (0,1 bis 0,2 %). Nachfolgelücke = demografischer Substanzverlust, aber nur im Segment attraktiver Firmen ohne Käufer; am kurzen Ende belegt durch rund 26.000 voraussichtlich scheiternde Kurzfristnachfolgen, während die Aufteilung der 243.000 Stilllegungspläne nach Attraktivität nicht vorliegt. Vgl. Berichte Leitzins, Konjunktur, rekordgewinne-stellenabbau. Modell-Einordnung, keine Prognose.

Modell-Einordnung, keine Prognose — getrennt von den oben belegten Zahlen.

Quellen

Belege

  • Insolvenzniveau (Primärquelle): IWH-Insolvenztrend, Institut für Wirtschaftsforschung Halle (Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften): Q2 2026 ≈ 4.996 Fälle, höchster Stand seit dem 2. Quartal 2005 (damals 5.295), über dem Finanzkrisenwert 2009; August 2026 = 1.525 (−10 % ggü. Juli, +9 % ggü. Vorjahr, +63 % über dem August-Durchschnitt der Vorkrisenjahre 2016–2019). Betroffene Arbeitsplätze: in den größten 10 % der insolventen Unternehmen im August mehr als 16.000, +21 % gegenüber Juli, +33 % gegenüber dem Vorjahresmonat und +103 % über dem Vorkrisendurchschnitt (mehr als doppelt) bei Fällen +63 % → im Mittel größere Betriebe; Frühindikatoren deuten auf weiter hohe Zahlen. Zur Persistenz: März 2026 = 1.716 Fälle, +71 % über einem durchschnittlichen März 2016–2019, mit Höchstwerten in Bau, Einzelhandel und unternehmensnahen Dienstleistungen sowie regionalen Rekordwerten (seit 2020) in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Zur Sanierungsquote (Fortführung/Sanierung vs. Zerschlagung) liegt kein belegter aktueller Wert vor; sie wird im Text ausdrücklich nicht behauptet, sondern als offene Prüfgröße geführt. Destatis-Insolvenzstatistik: 2024 endgültig 21.812 Unternehmensinsolvenzen (+22,4 % ggü. 2023), Gläubigerforderungen rund 58,1 Mrd. Euro.
  • Schließungen vs. Insolvenzen (Primärquelle): Creditreform / ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Mannheimer Unternehmenspanel (MUP), Unternehmensschließungen 2025: rund 188.000 (+10 % ggü. Vorjahr); Aufteilung ~13 % Insolvenzen, ~43 % Handelsregisterabmeldungen/Geschäftsaufgaben ohne Verfahren, ~43 % als „nicht mehr wirtschaftsaktiv" eingestuft (unterstellte Inaktivität). Schließungsquote je Bundesland rund 5–7,8 % (Bremen 7,8 % höchste; Baden-Württemberg und Hamburg je 5,3 %). Fast ein Drittel der freiwilligen Schließungen aus Altersgründen; Anteil der Inhaber ab 65 Jahren bei freiwilligen Schließungen 14 % (2002) → 29 % (2025). Bürokratie, hohe Kosten und Konjunkturschwäche als genannte Treiber. Branchen mit den stärksten Anstiegen: Gastgewerbe +15 % (~15.000), Arztpraxen +23 % (~5.500). Zunehmend beenden auch Unternehmen mit mittlerer oder guter Bonität ihre Geschäftstätigkeit freiwillig (Creditreform).
  • Gründungssaldo (Primärquelle): Statistisches Bundesamt, Gewerbemeldungen 2025 (Pressemitteilung Nr. 074 vom März 2026): Gewerbeanmeldungen 762.400 (+6,4 %) gegen Gewerbeabmeldungen 612.900 (−1,0 %); Neuerrichtungen insgesamt 640.500 (+7,7 %) gegen vollständige Aufgaben 502.200 (−0,2 %); größere Betriebe: 130.100 Betriebsgründungen (+7,6 %) gegen 99.900 Betriebsaufgaben (+0,8 %). Destatis: „Damit blieb die Zahl größerer Betriebsgründungen auch 2025 wie in allen Jahren seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2003 höher als die Zahl der Betriebsaufgaben." Wichtig: andere Grundgesamtheit als das Mannheimer Unternehmenspanel (Gewerbemeldungen inkl. Kleinst-/Nebenerwerbsgewerbe), die 188.000 sind deshalb nicht mit den 612.900 verrechenbar. Zeitreihe des Abstands (größere Betriebe; die Jahreswerte sind amtlich, die Differenz jeweils eigene Rechnung): 2022 = 115.100 Gründungen gegen 89.500 Aufgaben, Abstand 25.600 (PM Nr. 061 vom 15.2.2023); 2023 = 118.500 gegen 96.600, Abstand 21.900 (PM Nr. 062 vom 16.2.2024); 2024 = 120.900 gegen 99.200, Abstand 21.700 (PM Nr. 067 vom 21.2.2025); 2025 = 130.100 gegen 99.900, Abstand 30.200. Aktueller Rand: 1. Halbjahr 2026 = 69.600 Gründungen (+3,0 %) gegen 49.800 Aufgaben (−3,8 %), Abstand 19.800 (PM Nr. 287 vom 14.8.2026), nach 67.600 gegen 51.800 und damit 15.800 im 1. Halbjahr 2025 (PM Nr. 300 vom 15.8.2025). Zur Reichweite der Statistik (Destatis-Qualitätsbericht Gewerbeanzeigenstatistik, Stand 20.3.2020): Eine „Betriebsgründung/Gründung von Betrieben mit größerer wirtschaftlicher Bedeutung" liegt vor bei Gründung durch eine juristische Person oder eine Gesellschaft ohne Rechtspersönlichkeit oder durch eine natürliche Person, sofern diese „entweder in das Handelsregister eingetragen ist oder aber eine Handwerkskarte besitzt oder mindestens einen Arbeitnehmer beschäftigt"; bei der Betriebsaufgabe lautet die Voraussetzung für natürliche Personen Handelsregistereintrag oder zuletzt mindestens ein Arbeitnehmer. Das ist eine formale Schwelle, keine gemessene Betriebsgröße. Die Statistik gliedert An- und Abmeldungen laut Qualitätsbericht nach Wirtschaftsbereichen, Rechtsformen, Zahl der tätigen Personen und Bundesländern; die Gliederung nach tätigen Personen ist in den Pressemitteilungen nicht enthalten, sondern über GENESIS (52311) zugänglich und wurde für diesen Bericht nicht ausgewertet. Umsätze, Erträge oder Produktivität erfasst die Statistik nicht. Ein Substanzvergleich zwischen Gründungen und Aufgaben wird deshalb als offene Prüfgröße geführt und nicht behauptet.
  • Nachfolgelücke (Primärquelle): KfW-Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025 (KfW Research, Fokus Volkswirtschaft Nr. 526, Januar 2026): 2025 waren 57 % der mittelständischen Unternehmerschaft 55 Jahre oder älter (gut 2 Mio., +3 Prozentpunkte ggü. Vorjahr; vor 20 Jahren 20 %). Jedes vierte Unternehmen soll nach dem Ausscheiden der Senior-Generation nicht fortgeführt werden → rund 243.000 KMU bis Ende 2026 ohne Nachfolge, sofern alle Pläne umgesetzt werden (bedingte Projektion, kein Ist-Wert). Längerer Horizont bis Ende 2029: 569.000 Unternehmen ohne geplante Fortführung (~114.000/Jahr) gegen 545.000 mit angestrebter Nachfolgeregelung (~109.000/Jahr) — erstmals ein kleiner Überhang der Stilllegungs- über die Nachfolgeabsichten, aus Befragung geschätzt. Nicht übernommen: die kursierende Angabe „31 % der Inhaber 60+ / ~1,2 Mio., dreimal so viele wie vor 20 Jahren" — am Primärbeleg nicht gesichert; der belegte Zwanzigjahresvergleich (20 % → 57 %) betrifft die 55+-Quote. KfW unterscheidet attraktive Firmen ohne Nachfolgekandidaten (echter Substanzverlust) von wirtschaftlich unattraktiven Kleinstbetrieben (Masse der Stilllegungspläne). Quantifizierung am kurzen Ende (Fokus Nr. 526, Abschnitt zu den Kurzfristnachfolgen): Bis Ende 2026 planen rund 186.000 Inhaber den Rückzug mit angestrebter Nachfolge (rund 5 % aller KMU; 3,87 Mio. KMU insgesamt; −29.000 gegenüber der Vorjahresbefragung). Davon waren zum Erhebungszeitpunkt (Frühjahr 2025) 30 % final ausgehandelt und 34 % in konkreten Verhandlungen, zusammen rund 119.000 (64 %); 21 % suchten noch (Verzögerungen zu erwarten); 4 % waren noch nicht eingestiegen und 10 % hatten nur Informationen gesammelt, weshalb die KfW für rund 14 % (26.000) mit dem Scheitern der kurzfristigen Nachfolgepläne rechnet. Diese 26.000 werden hier als belegte Näherung an das Segment „fortführungswürdig, aber ohne Nachfolge" geführt; dazu die KfW-Angabe, dass nachfolgeplanende Unternehmen in aller Regel durch sehr gute Ertragskraft, Eigenkapitalstärke und finanzielle Robustheit gekennzeichnet sind (Fußnote 8 in Nr. 526, mit Verweis auf Schwartz/Leifels 2022, Fokus Volkswirtschaft Nr. 393). Gründe geplanter Stilllegungen (Mehrfachnennung): Rentenalter 52 %, fehlendes Interesse von Familienangehörigen 47 %, bürokratischer Aufwand 42 % (kein Faktor hat im Jahresvergleich so stark zugelegt). Nicht ausgewiesen und deshalb hier offen geführt: eine Aufteilung der 243.000 Stilllegungspläne nach wirtschaftlicher Attraktivität; die KfW hält dazu nur qualitativ fest, dass sich viele Inhaber bewusst für die Aufgabe entscheiden, obwohl Geschäftsmodell und erzielbarer Kaufpreis die Nachfolgesuche rechtfertigen würden.
  • Reallokation und Produktivität (Primärquelle): Deutsche Bundesbank, Produktivitätswirkungen der Reallokation im Unternehmenssektor während der Coronavirus-Krise, Monatsbericht September 2022, ab S. 47. Wachstumszerlegung der Pro-Kopf-Produktivität (Standardansatz, vgl. Foster u. a.; Datenbasis Bundesbank-Online-Panel-Firmen mit gut 2.000 Unternehmen, laut Bericht entsprechend unsicher): Für 2020 unternehmensspezifischer Effekt −4,7 Prozentpunkte (maßgeblich Kurzarbeit); positiver Reallokations-Niveaueffekt, kaum Wachstumseffekt; der Reallokationseffekt insgesamt dämpfte den Rückgang der Arbeitsproduktivität um knapp 1 Prozentpunkt, die Arbeitsproduktivität sank dennoch um fast 4 %. Zeitvergleich auf Unternehmensebene (Kapitalgesellschaften in Verarbeitendem Gewerbe und Einzelhandel): Der Abstand im Beschäftigungswachstum zwischen Unternehmen mit hohem und mit niedrigem Produktivitätsniveau betrug 2020 wie in der Finanzkrise jeweils fast 4 Prozentpunkte, im Mittel der Jahre 2011–2019 dagegen 6,5 Prozentpunkte. Bundesbank wörtlich: „Ein Cleansing-Effekt ist auf Basis dieser Analyse somit nicht ersichtlich"; als möglicher Grund werden die staatlichen Stützungsmaßnahmen genannt. Ferner: Der Effekt vermehrter Betriebsgründungen auf die Arbeitsproduktivität tritt erst ab dem dritten Jahr auf und liegt in der Spanne 0,1 bis 0,2 % (Vergleichsmaßstab: durchschnittliches Wachstum der realen Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen rund 0,6 % in den Jahren 2011–2019). Der Bericht hält außerdem fest, dass die Fluktuation im deutschen Unternehmenssektor in den zwei Jahrzehnten davor stark abgenommen hatte, besonders bei Unternehmensinsolvenzen, Betriebsaufgaben und Betriebsgründungen. Eine entsprechende Zerlegung für den Insolvenzzyklus 2024–2026 liegt uns nicht vor; die Reallokationsproduktivität wird deshalb als offene Prüfgröße geführt und nicht als Befund.
  • Ursachen/Modell (Forschung): zur Zombie-These und zum Nachhol-/Bereinigungseffekt: Corona-Wirtschaftshilfen, temporäre Aussetzung der Insolvenzantragspflicht 2020/21, jahrelange Niedrigzinsen, Zinswende als Auslöser; IW Köln, Report zu Unternehmensinsolvenzen. Theorie: J. Schumpeter (schöpferische Zerstörung); L. Foster, J. Haltiwanger, C. Krizan (Reallokation und Produktivität, Cleansing); R. Caballero, M. Hammour (Cleansing vs. Scarring in Rezessionen); Zombie-Unternehmen (Ertrag deckt Zinslast nicht). Der Zombie-Anteil am Anstieg ist nicht quantifiziert und bleibt Hypothese.
  • Eigene Einordnung (Methode): Reframing der „Pleitewelle" zu (1) Insolvenz als seltenster, erzwungener Austrittsform (~13 %) neben einer weichen Restkategorie (~43 % „inaktiv") und einem amtlich weiter positiven Gründungssaldo; (2) Insolvenzanstieg teils Bereinigung, aber mit Scarring-Signalen (Persistenz über Vorkrise, größere Betriebe, breite Streuung der Höchstwerte über Branchen und Länder) — nicht überwiegend „gesund"; (3) Nachfolgelücke als demografischem Substanzverlust nur im Segment attraktiver Firmen. Absolute Zahlen belegt (IWH, Destatis, Creditreform/ZEW, KfW); Austrittsquote nach Creditreform-Metrik (nicht als Mischrechnung); die 243.000 als konditionale Projektion gekennzeichnet; Grundgesamtheiten von Gewerbemeldungen und Unternehmenspanel ausdrücklich getrennt gehalten statt verrechnet. Faktenlage und Bewertung getrennt; die Wertungsfrage (Bereinigung vs. Vernarbung) bleibt offen und ist an Reallokation und Sanierungsquote festgemacht. Vier Prüfgrößen werden ausdrücklich als offen geführt statt geschätzt: Sanierungsquote 2026, Zombie-Anteil, Reallokationsproduktivität im laufenden Zyklus (nur die Bundesbank-Zerlegung für 2020 liegt vor) und der Substanzvergleich zwischen gegründeten und aufgegebenen Betrieben (die Gewerbeanzeigenstatistik weist je Betrieb keine Beschäftigten oder Umsätze aus). Zwei zuvor unbezifferte Größen sind mit dieser Überarbeitung beziffert: der Abstand zwischen Gründungen und Aufgaben im Zeitverlauf 2022 bis zum 1. Halbjahr 2026 (Jahreswerte amtlich, Differenzen eigene Rechnung) und die Nachfolgelücke am kurzen Ende (rund 26.000 voraussichtlich scheiternde Kurzfristnachfolgen). Nicht am Primärbeleg gesicherte, in der Debatte kursierende Werte (exakter Insolvenzanteil 2002, Bürokratie-Quote, „31 % der Inhaber 60+") sind bewusst nicht als harte Zahlen übernommen. Bezug: Berichte Leitzins, Konjunktur, rekordgewinne-stellenabbau.

Alle Zahlen in diesem Bericht sind mit Primärquelle belegt (amtliche Angaben). Modell-Lesarten (ökonomische Einordnungen) sind als solche gekennzeichnet und von den Fakten getrennt.