Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kostet Arbeitgeber rund 82 Mrd. € im Jahr — Rekordniveau. Der Koalitionsausschuss hat am 2. Juli reagiert: Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft, eine ärztliche Bescheinigung soll künftig ab dem ersten Krankheitstag Pflicht sein. Der umstrittene Karenztag (erster Tag unbezahlt) kam dagegen nicht durch. Durchgerechnet fällt damit der Hebel, der die Kosten wirklich gesenkt hätte — geblieben ist eine Bürokratie-Verschärfung, die die eigentliche Ursache nicht berührt.
| Kennzahl | Wert | Hinweis |
|---|---|---|
| Lohnfortzahlung Arbeitgeber | ≈ 82 Mrd. € (2024) | IW Köln; ~4× so hoch wie das Krankengeld |
| Anteil an GKV-Aufwendungen | ≈ ein Viertel | zur Einordnung der Größenordnung |
| Fehltage je Beschäftigten | 14,8 (Destatis) – 19,5 (DAK) | 2024/2025; Destatis nur Fälle > 3 Tage |
| Telefonische Krankschreibung | abgeschafft | Beschluss Koalitionsausschuss 2.7.2026 |
| Ärztliche AU-Bescheinigung | ab dem 1. Tag | bisher gesetzlich ab dem 4. Tag |
| Karenztag | nicht umgesetzt | Unions-Vorschlag, an SPD gescheitert |
Seit 1970 zahlt der Arbeitgeber im Krankheitsfall den Lohn ab dem ersten Tag bis zu sechs Wochen weiter. Weil die Krankenstände hoch sind und die Beschäftigung gewachsen ist, sind die Kosten dafür auf rund 82 Mrd. € (2024) gestiegen — nach Berechnungen des IW Köln rund viermal so viel wie das Krankengeld der Kassen und etwa ein Viertel aller GKV-Aufwendungen.
Der Koalitionsausschuss hat am 2. Juli 2026 zwei Verschärfungen beschlossen: Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft, und eine ärztliche AU-Bescheinigung soll künftig ab dem ersten Krankheitstag verpflichtend sein (bisher gesetzlich ab dem vierten). Der Karenztag (erster Tag ohne Lohnfortzahlung) — der größte Kostenhebel — wurde nicht umgesetzt: Er war ein Unions-Vorschlag, die SPD lehnte ihn ab.
Ein Karenztag hätte die Arbeitgeberkosten real gesenkt — allerdings nicht, indem er Kosten beseitigt, sondern indem er sie auf die Beschäftigten verlagert, die den ersten Tag selbst tragen. Ökonomisch ist das eine Umverteilung des Krankheitsrisikos, kein Effizienzgewinn per se, und mit einem Gegeneffekt behaftet: Er setzt einen Anreiz, krank zur Arbeit zu gehen (Präsentismus) — mit Ansteckung, Fehlern und längeren Verläufen als externem Effekt. (Größenordnung modelliert; die Nettowirkung ist empirisch umstritten.)
Genau an dieser Härte scheiterte er politisch. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Der einzige Vorschlag, der die 82 Mrd. € beim Arbeitgeber unmittelbar gedrückt hätte, fiel heraus — übrig blieb, was die Kosten nicht senkt.
Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und die AU-Pflicht ab Tag 1 zielen auf mutmaßlichen Missbrauch. Der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Markus Beier, warnt vor einer „Misstrauenskultur": Missbrauch gebe es auch bei persönlichen Besuchen; die Telefon-AU habe Praxen entlastet und Patienten vor Ansteckung im Wartezimmer geschützt.
Durchgerechnet ist der Hebel klein, der Preis real: Ein belastbarer Beleg, dass die Telefon-AU den Krankenstand nennenswert treibt, fehlt. Was die Maßnahmen sicher erzeugen, sind zusätzliche Praxisbesuche ab dem ersten Tag — Zeit- und Kapazitätskosten, verlagert in ein ohnehin knappes Hausarztsystem. Man verschärft die Bescheinigung, nicht die Ursache hoher Fehlzeiten.
Die eigentliche Frage bleibt: Warum ist der Krankenstand hoch? Diskutiert werden Arbeitsbelastung, Alterung der Belegschaften, psychische Erkrankungen und Erfassungseffekte (die elektronische AU zählt heute vollständiger). Keiner dieser Treiber wird durch das Ende der Telefon-AU oder die Attest-Pflicht ab Tag 1 adressiert.
Das heißt nicht, dass 82 Mrd. € kein Problem sind — das sind sie. Aber der Beschluss senkt diese Kosten nicht: Der wirksame (und sozial harte) Hebel wurde gestrichen, der verbliebene setzt an einem Nebenschauplatz an und verlagert Aufwand in die Praxen.
Die 82 Mrd. € sind real und ein legitimer Anlass zu handeln. Der Beschluss vom 2. Juli leistet aber nicht, was das Etikett „Kosten senken" verspricht:
Unterm Strich hat die Koalition das Instrument mit Wirkung (und hohem sozialem Preis) fallen lassen und das mit Symbolwert behalten. Wer die Kosten wirklich senken will, muss an den Krankenstand-Treibern ansetzen — nicht an der Frage, wie die Bescheinigung ausgestellt wird.
Alle Zahlen sind mit Primärquelle belegt. Einzelne, ausdrücklich als „modelliert/illustrativ" gekennzeichnete Werte sind Rechen-Illustrationen, keine amtlichen Zahlen. Tatsachen und Modell-Lesarten sind getrennt ausgewiesen.