Wer nachts, sonntags oder feiertags arbeitet, bekommt Zuschläge — und die sind bis zu bestimmten Grenzen steuerfrei (§ 3b EStG). Der Koalitionsbeschluss vom 2. Juli will diese Grenze für tariflich vereinbarte Sonntags- und Feiertagszuschläge von 50 auf 75 Euro Stundenlohn anheben und die tariflichen Zuschläge zusätzlich komplett von Sozialabgaben befreien. Das Versprechen: mehr Netto für Schichtarbeiter in Pflege, Sicherheit, Gastro. Die ökonomische Frage dahinter ist aber eine andere — und sie ist die alte Streitfrage jeder Steuervergünstigung: Entsteht dadurch zusätzliche Arbeit dort, wo sie fehlt, oder wird nur bestehende, ohnehin geleistete Arbeit steuer- und abgabenfrei gestellt? Wichtig vorab: Es ist ein Beschluss, noch kein Gesetz.
| Kennzahl | heute (§ 3b) | geplant (tariflich) |
|---|---|---|
| Grundlohn-Grenze (steuerfrei) | max. 50 €/h | max. 75 €/h |
| Sozialabgaben auf tarifl. Zuschlag | beitragspflichtig ab 25 €/h Grundlohn | komplett beitragsfrei |
| Zuschlagssätze steuerfrei | Nacht +25 % (0–4 Uhr +40 %), So +50 %, Feiertag +125 % | unverändert |
| Betroffene Sektoren | Pflege, Klinik, Sicherheit, Gastro, Logistik, Handel | — |
| Rechtsstand | geltendes Recht | Beschluss, kein Gesetz |
Nach § 3b EStG sind Zuschläge für Nacht-, Sonntags- und Feiertagsarbeit steuerfrei — Nacht (20–6 Uhr) +25 % (zwischen 0 und 4 Uhr +40 %), Sonntag +50 %, Feiertag +125 %. Berechnet wird die Steuerfreiheit auf den Grundlohn, der aber bei höchstens 50 €/Stunde gedeckelt ist. Der Koalitionsbeschluss vom 2. Juli 2026 will für tariflich vereinbarte Sonntags- und Feiertagszuschläge diese Grenze auf 75 €/Stunde anheben — und die tariflichen Zuschläge zusätzlich vollständig von Sozialabgaben befreien (bisher sind sie nur bis 25 €/h Grundlohn beitragsfrei).
Zwei Dinge sind wichtig. Erstens: Es ist ein Beschluss, noch kein Gesetz; für den öffentlichen Dienst ist die Wirkung ab 2027 vorgesehen. Zweitens — ökonomisch entscheidend: Die Beitragsfreiheit ist der viel größere Hebel als die Steuerfreiheit. Bei mittleren Löhnen sind die Sozialbeiträge (rund 40 % Arbeitnehmer plus Arbeitgeber zusammen) deutlich schwerer als die Lohnsteuer — hier liegt der eigentliche fiskalische Kern.
§ 3b ist keine Ausgabe im Haushalt, sondern eine Steuervergünstigung („tax expenditure") — der Staat verzichtet gezielt auf Einnahmen, um eine bestimmte Aktivität zu fördern: Arbeit zu unsozialen Zeiten. Ökonomisch ist das eine Subvention, und für Subventionen gilt der immergleiche Test: Lösen sie zusätzliches Verhalten aus (dann haben sie einen Zweck) — oder belohnen sie Verhalten, das ohnehin stattfindet (dann sind sie ein Transfer mit Nebenwirkungen)?
Zwei Besonderheiten machen § 3b zum Lehrbuchfall. Zum einen ist die Steuerfreiheit verfassungsrechtlich nicht geboten — anders als der Grundfreibetrag, der das Existenzminimum schützen muss, ist § 3b eine politische Entscheidung, die man auch lassen könnte. Zum anderen steht sie in einer eigentümlichen Spannung zum grundgesetzlichen Schutz der Sonn- und Feiertagsruhe (Art. 140 GG): Der Staat schützt den freien Sonntag — und subventioniert zugleich das Arbeiten an ihm. In der Steuerrechtsliteratur wird § 3b deshalb nahezu einhellig kritisch gesehen.
Die Reform hat ein reales Anliegen. In Pflege, Kliniken, Sicherheit, Gastronomie, Logistik wird rund um die Uhr gearbeitet — oft von Beschäftigten mit moderaten Löhnen, unter erheblicher Belastung und in Branchen mit akutem Personalmangel. Ein höheres Netto für genau diese Schichten ist zielgenau bei denen, die die unbeliebten Zeiten abdecken, und kann die Attraktivität dieser Jobs am Rand erhöhen — mehr Bereitschaft für Nacht-/Wochenenddienste, weniger Abwanderung.
Die Beitragsfreiheit verstärkt den Netto-Effekt spürbar, gerade im mittleren Lohnbereich. Und die Bindung an Tarifverträge ist ein sinnvoller Filter: Sie begrenzt die Gestaltung auf ausgehandelte, dokumentierte Zuschläge statt beliebiger Vereinbarungen. In dieser Lesart ist die Ausweitung eine vertretbare, sektorbezogene Entlastung der arbeitenden Mitte in systemrelevanten Bereichen.
Die Gegenperspektive ist die klassische finanzwissenschaftliche Kritik, und sie hat mehrere Beine. Erstens horizontale Ungerechtigkeit: Zwei Beschäftigte mit gleichem Einkommen zahlen unterschiedlich viel Steuern — je nachdem, zu welcher Uhrzeit sie es verdient haben. Das verletzt den Grundsatz „gleiches Einkommen, gleiche Steuer" (siehe unser Theoriestück zur horizontalen Gerechtigkeit). Zweitens Mitnahme: Die Nachtarbeit in der Klinik, der Sonntagsdienst der Polizei finden ohnehin statt — das Arbeitsangebot dieser Schichten ist weitgehend unelastisch. Eine Subvention auf inelastisches Verhalten löst kaum Zusätzliches aus; sie ist überwiegend ein Transfer.
Drittens Umetikettierung: Je höher die Grenze (jetzt 75 €), desto größer der Anreiz, regulären Lohn als steuerfreien Zuschlag zu deklarieren — ein Gestaltungsspielraum, der mit dem Grundlohn wächst. Viertens — und neu — erodiert die vollständige Beitragsfreiheit die Basis der Sozialversicherung: Weniger Beiträge bedeuten nicht nur Mindereinnahmen für Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung, sondern schmälern auch die eigenen Ansprüche der Beschäftigten (beitragsfreier Lohn zählt nicht für die Rente). Der kurzfristige Netto-Gewinn kann langfristig zulasten der eigenen Alterssicherung gehen. Genau deshalb ist § 3b in der Literatur so umstritten.
Die Verteilungswirkung der 50-→-75-€-Anhebung ist unbequem präzise: Sie hilft nur Schichtarbeitern mit einem Grundlohn zwischen 50 und 75 €/Stunde. Der Krankenpfleger mit 25 €, die Sicherheitskraft mit 18 € Grundlohn waren schon vorher voll von der Steuerfreiheit erfasst — für sie ändert die höhere Grenze nichts. Entlastet wird also der obere Rand der betroffenen Beschäftigten. Wer „die Pflegekräfte" sagt, entlastet mit dieser Stellschraube vor allem die besser verdienenden Schichtarbeiter.
Breiter — und für alle betroffenen Löhne relevant — wirkt dagegen die Beitragsfreiheit, weil sie unabhängig von der 75-€-Grenze greift. Das erklärt, warum sie der eigentliche Kern des Beschlusses ist: Der sichtbare Titel ist die „75 €", der fiskalische und verteilungspolitische Schwerpunkt liegt bei den Sozialabgaben.
Beide Perspektiven sind valide: Der Netto-Gewinn für Schichtarbeiter in Mangelberufen ist real, und die Effizienz- und Gerechtigkeitskritik ist es auch. Sie entscheiden sich an einer empirischen Frage — der Arbeitsangebots-Elastizität der betroffenen Schichten. Ist sie hoch (die Entlastung holt zusätzliche Nacht-/Wochenendkräfte an Bord, wo sie fehlen), ist die Reform ein wirksames Instrument gegen den Personalmangel. Ist sie niedrig (die Schichten werden ohnehin gefahren), ist die Ausweitung überwiegend Mitnahme — mit dem Preis horizontaler Ungerechtigkeit und einer erodierten Beitragsbasis.
Der durchgerechnete Kern: Die politisch kommunizierte Größe ist das Entlastungsvolumen in Euro. Die ökonomisch ehrliche Prüfgröße ist eine andere: Steigt nach der Reform die Zahl der besetzten Nacht- und Wochenendschichten dort, wo Personal fehlt — oder bleibt sie gleich, und nur die Steuer- und Abgabenlast sinkt? Miss die zusätzliche Arbeit, nicht das ausgeschüttete Volumen. Denn eine Subvention, die nur belohnt, was ohnehin geschieht, ist kein Anreiz — sie ist ein teurer Transfer mit Verteilungsschlagseite.
Die Ausweitung ist ein Koalitionsbeschluss (kein Gesetz) — durchgerechnet zählen drei Punkte:
Unterm Strich: Als sektorbezogene Entlastung systemrelevanter Schichtarbeit vertretbar; als Instrument gegen Personalmangel nur wirksam, wenn die betroffene Arbeit auf die Entlastung reagiert. Die eine testbare Prüfgröße ist die zusätzlich besetzte Schicht, nicht das Entlastungsvolumen.
Alle Zahlen in diesem Bericht sind mit Primärquelle belegt (amtliche Angaben). Modell-Lesarten (ökonomische Einordnungen) sind als solche gekennzeichnet und von den Fakten getrennt.